USA: Texas lightning

Eine Reise ins Land der Cowboys und Countrysongs birgt Überraschungen. Haarnadelkurven und heißen Kaffee zum Beispiel.

Seit knapp einer Woche sind Christoph und ich unterwegs. Vor sechs Tagen startete unsere Maschine nach Dallas, 14 Stunden blieben wir in der Luft. Thrombosestrümpfe an, Kontaktlinsen raus, vegetarisches Menü bestellt – auch diese Stunden gehen einmal vorüber. Gerädert landen wir in der warmen, ein wenig schwülen Ölmetropole. Endlich Texas.

Um dem Trubel von Dallas zu entgehen, mieten wir uns im nahegelegenen Grapevine ein. Ein schmuckes Städtchen, von dessen restaurierten Zentrum wir leider nichts mehr zu sehen bekommen. Es ist schon dunkel und wir sind platt wie zwei Flundern.
Dallas erfahren wir per Omnibus, der uns zur Greyhound-Station bringt. Da wir unsere Miet-Motorräder in Waco abholen, müssen erst noch 170 Kilometer mit öffentlichen Verkehrsmitteln gen Süden zurück gelegt werden. Dallas ist merkwürdig. Jede Menge Wolkenkratzer, die denen Chicagos oder New Yorks in nichts nachstehen. Irgendwas ist aber anders, denke ich, irgendwas fehlt. Es sind die Menschen. Die Bürgersteige sind fast leer, es ist zu ruhig in der Stadt. Das Leben pulsiert nur sachte, man spürt es kaum.
Der Greyhound-Bus kutschiert uns über den Highway No. 35 nach Waco, in der auffällig viele Übergewichtige wohnen, die uns an einer Bushaltestelle sofort ins Auge fallen. Eine Stadt, in der der Harley-Dealer das absolute Highlight darstellt. Entsprechend groß ist der Laden, entsprechend mannigfaltig die Auswahl an Motorrädern. Auf uns warten schon zwei hübsche Schwestern die auf die Namen Heritage Classic und Street Glide hören.

Ich kann es kaum erwarten, endlich loszubrettern. Klamotten an, Gepäck verstaut, Helm auf und ab. What a feeling! Was für ein Moment jetzt und hier auf dem Motorrad zu sitzen und auf dem Highway von Texas der Sonne entgegen zu fahren! Ein tolles Gefühl saust durch meinen Körper, während ich sanft die Gänge hoch schalte. Die Beine locker in Harley-Manier nach vorn ausgestreckt, Hände gemütlich am Lenker. Herz, was willst du mehr?
Leider wird es früh dunkel, um 19.30 Uhr verabschiedet sich das Licht. Wir landen in San Saba. Nichts los hier, wie ausgestorben. Nur an der Tankstelle sieht man vereinzelte Menschen. Greg, dicke, graue Haare und nur noch ein Zahn ist mit seinem alten Pick Up unterwegs, empfiehlt uns ein Hotel. Ein netter Kerl, dem es egal ist, woher wir kommen und wohin wir gehen. Nicht ohne Stolz erzählt er jedoch unaufgefordert vom populärsten Einwohner des Dorfes, seines Zeichens Hollywood-Star. Tommy Lee Jones ist aus San Saba. Er verfügt hier über eine Ranch und eine sehr große Villa, so Greg. Als wir uns am nächsten Morgen dorthin aufmachen, suchen wir verzweifelt nach dem Schotterweg, der zum Anwesen führen soll. Wäre ja auch zu schön gewesen.

In San Saba mache ich erstmals Bekanntschaft mit dem texanischen Frühstück. Kaffee, as much as you want, Omelette mit Toast, Schinken für Christoph. Üppig und lecker, reicht für viele Stunden. Fürchterlich hingegen ist die amerikanische Wegwerf-Gewohnheit. Alles auf dem Tisch – bis auf das Essen – ist aus Plastik. Was für eine Verschwendung und Umweltverschmutzung.
Pappsatt geht’s weiter, das heutige Etappenziel heißt Fredericksburg. Es liegt im Texas Hill Country, einer wunderbar anmutenden Hügellandschaft. Die Harleys können schwingen, was das Zeug hält. Hier kommen uns die ersten hübschen Kurven in die Quere, die die Strecke aufleben lassen. Das Licht ist mild, die Farben zart. Wir fahren ein bisschen durch ein Zauberland, das auf den Wiesen seltsame Steine und im Wasser Bäume wachsen lässt. In Texas, wie überall auf der ganzen Welt, lohnt es sich enorm, große Bundesstraßen zu meiden.
Besonders begeistern mich aber jene Straßen, die zwar geradeaus aber dafür rauf und runter, rauf und runter führen. Ich fange an zu träumen, das Motorrad fährt wie von allein, der Schwung ist grandios. Stress ist was anderes. Countryroad, take me home.

Auch Fredericksburg ist seltsam. Auf den ersten Blick gleicht es einer Puppenstadt. Lauter kleine hübsche Häuschen und Geschäfte, in denen vor allem Geschenkartikel feil geboten werden. Des Nächtens lässt ein Jeder seine hübschen Blumenkübel auf dem Bürgersteig stehen – Kriminelle scheint es nicht zu geben. Heile Welt. Das Hauptmerkmal dieser Stadt ist deutscher Natur. Mitte des 19. Jahrhunderts wurde Fredericksburg von Otfried Hans Freiherr von Meusebach gegründet. Er kam – wie die meisten Einwanderer seinerzeit – aus dem romantischen Lahn-Dill-Kreis, weswegen auch Montabaur die Partnerstadt von Fredericksburg ist. Den Einfluss deutschen Brauchtums spürt man noch heute; Gaststätten heißen hier „Zum Lindenbaum“ oder „Auslander“. Das Essen könnte jedoch besser schmecken. Als Vegetarierin hat man es in Texas aber generell schwer, denn außer Fleisch – von dem Christoph behauptet, es schmecke famos – gibt es nur Eisbergsalat, der mit schlecht schmeckenden Dressings angemacht ist. Das Bier in der Brewing Company kann sich hingegen sehen lassen.

Tagsdrauf besuchen wir eine Viehauktion. Alle Parkplätze sind mit Pick Ups voll gestellt. Von weitem hört man das traurige Muhen der Rinder, die in der Sonne braten müssen. Stundenlang. Ohne Wasser. Die Tiere können einem Leid tun. Im Auktionsstall muss ich indes zugegebenermaßen staunen. Vor allem ob der irren Stimme des Auktionärs, die der einer Klapperschlange gleicht. Die Cowboys scheinen jedes Wort zu verstehen und steigern mit ernster Miene eifrig mit. Wie in Uniformen sitzen sie auf Holzbänken: alle mit dem gleichen Cowboyhut, coolen Boots und einer Wrangler unterm Arsch.
Weiter nach Luckenbach. Drei Einwohner zählt das Dorf – und Tausende von Touristen im Jahr. Seit Waylon Jennings mit „Luckenbach, Texas“ die Charts eroberte, ist hier der Teufel los. Das war 1977. Vor allem Motorradfahrer zieht es hier her. Allein während unserer Verweildauer trudeln zehn Maschinen im Konvoi ein. Darunter der dicke Bob und der dünne Dennis aus Dallas. Beide im 1A-Harley-Fahrer-Look: Dreieckstuch statt Helm, ein dünnes Zöpflein, bestehend aus drei Strähnen à zehn Haaren, Ray Ban, Lederweste, mit oder ohne T-Shirt drunter, eine abgewetzte Lederhose mit Seitenschnürung und Cowboyboots. Zwei herzensgute Seelen.
In der Kneipe, einer einstigen Poststation sitzt Denny mit seiner Gitarre, der nur auf ein Kommando hört: „Spiels noch einmal, Denny, „Luckenbach, Texas““. Gefühlvoll beginnt der graue Cowboy die Saiten zu zupfen. Mit sanfter Stimme singt er den sentimentalen Song. Ein Freibier pro Auftritt ist ihm sicher. Nüchtern fällt er nicht ins Bett.

Die nächste Station ist San Antonio. Von Luckenbach aus wählen wir einen Umweg über Medina, denn ab da, heißt es, haben wir eine der schönsten Strecken von ganz Texas vor uns. Man glaubt es kaum: Hier gibt es Haarnadelkuren! Und herrliche Canyons! Wie im Rausch gleiten wir über den Asphalt, beinah übermütig kratzen die Rasten in ungewohnter Schräglage über den groben Boden. Fast paradiesisch, bis mir ein Schwarm Schmetterlinge entgegen flattert. Kurz danach noch einer, dann noch einer. Es werden immer mehr. Nach ein paar Kilometern ändere ich meine Meinung, die Biester sind eine Plage. Die ganze Front ist mit einem einzigen gelblichen Schleim bedeckt. Von meinen Beinen und dem Helm gar nicht zu reden. Da die Biester unters Visier fliegen, weist mein Teint am Abend Unreinheiten auf. Snot Nose Butterfly heißen diese Schmetterlinge, die von August bis Oktober auf dem Weg nach Mexiko sind. Waschanlagen haben in dieser Zeit Hochkonjunktur.
San Antonio empfängt uns mit einem großartigem Abendhimmel in tiefem Blau. Der Zug durch die Gemeinde fällt jedoch wegen allgemeiner Schlappheit aus, wir schaffen es nur bis zum irischen Pub um die Ecke. Glück gehabt, ein cooler Schuppen. Direkt am Kanal gelegen mit guter Live-Musik und engagierten, laut mitsingenden Gästen. Drei Kilkennys laufen wie ein langer ruhiger Fluss durch meine Kehle, müde werde ich später. Das ist das komische am Jetlag: Abends schläft man schlecht ein, morgens wird man früh wach. Mittlerweile ist es schon sechs Uhr, wenn ich aufwache. Jeden Tag träumen wir eine halbe Stunde länger.
Heute bis sieben Uhr.

Was für ein Morgen! San Antonio wacht auf. Dunst umgibt die Wolkenkratzer, eine schöne Stunde um nach Westen aufzubrechen. Die Landschaft ändert sich schlagartig. Der Blick schweift über karge Ebenen mit trockenem Gestrüpp. So kennt man den wilden Westen aus dem Fernsehen. Vor meinem inneren Auge brennt die Bonanza-Karte ab, die Cardwrights reiten mir durchs Brandloch entgegen. Prärie, unendliche Weite. Das ist Texas. Die Sonne brennt. Wie gut, dass uns mehr als eine Pferdestärke trägt.
Bis zum Nationalpark Big Bend sind es 700 Kilometer. Die könnten wir zwar locker an einem Tag abreißen – doch wozu? Wir haben Zeit, genießen Stadt und Land. Del Rio zum Beispiel. Auf den ersten Blick ein typisch amerikanisches Kaff. Reklametafeln an der Zahl, Tankstellen, Fast Food-Schuppen, Beton, Neon, Plastik. Am Himmel kreisen Kampfjets, die auf der Laughlin Air Force, eine der größten Airbase der USA, stationiert sind. Erst mit Donna vom Fremdenverkehrsamt entdecken wir die „Altstadt“. Kleine Häuschen, stille Plätzchen, Bäume und Bäche, sogar Weinreben wachsen inmitten des Molochs. Man muss nur suchen oder die richtigen Leute kennen.

Kurz hinter der Stadt liegt das Amistad-Reservoir. Ein Stausee, der sich aus Rio Grande, Pecos und dem Devils River zusammensetzt. Was f ür ein Blick! Leider ist der Damm noch gesperrt, wir sind zu früh dran. Große schwarze Vögel säumen das Geländer. Aasgeier. Die Warnschüsse des Wachmanns stören sie nicht. Auf unserem Weg gen Westen begegnen sie uns noch häufig. Wenn sie am Himmel ihre engen Kreise ziehen, ist, ein Unfallopfer des Highways nicht weit.
Langsam wird er wilder, der Westen. In Del Rio haben wir unsere Tanks noch einmal voll gefüllt, wer weiß, wann die nächste Tankstelle kommt. Donna hat uns gewarnt und empfohlen, jede Tankstelle anzufahren! Sie hatte recht, es wird immer einsamer. Auf dem Highway ist kaum Verkehr, Dörfer liegen meilenweit voneinander entfernt. Wie schön, als wir Comstock erreichen. Ein ödes Kaff mit einer öden Kneipe – auf den ersten Blick. Auf den zweiten entpuppt sich zumindest der Coffee-Shop als ein Frühstücksgourmettempel. Kaffee, Rührei, Toast – alles schmeckt einen Tick besser als woanders. Und sogar der Kaffee ist heiß! Bis jetzt mussten wir ihn lauwarm und fad zu uns nehmen. Heute schmeckt er ausgezeichnet.
Als wir am späten Nachmittag in Marathon ankommen, werfe ich rasch einen Blick ins legendäre Gage Hotel. Es beherbergt als permanenten Gast einen Geist, heißt es. Einen Udo Lindenberg von Texas sozusagen (der Altrocker ist Dauergast im Hamburger Hotel Atlantis). Er wohnt in Zimmer Zehn, ist weiblich und trägt ein weißes, durchsichtiges Kleid. Der Beschreibung nach ein waschechtes Gespenst.

Weit ist es nun nicht mehr zum Big Bend, die ersten Berge zieren schon den Horizont. Je näher wir kommen, desto gigantischer der Blick. Hohe, einzeln stehende Felsen in flacher Landschaft, heiße Luft, weites Land. Die Motorräder huschen durch die Gassen der Berge, Wolken tupfen Muster in den azurblauen Himmel – ich bin der glücklichste Mensch auf der ganzen Welt, während die riesige Sonne im Westen verschwindet. Bevor wir in den Nationalpark eintauchen betten wir unsere müden Häupter im Lajitas Resort.
Stunden später ist er endlich da, der Tag, auf den ich mich so freute. Nach der Dusche springen wir hurtig auf die Maschinen, der frühe Vogel fängt schließlich den Wurm. Am Eingang des Parks treffen wir im Big Bend Motor Inn auf eine Harley-Horde: 22 Mann auf 22 Top-Maschinen. Ein Stück begleiten wir sie. Alle haben den gleichen Sender auf megalaut gestellt und hören Charly von den Red Hot Chilly Peppers, während sie an den roten Felsen der Chisos Mountains vorbeijagen, Kurven suchen, am Rio Grande picknicken und immer, immer weiter wollen. Willkommen im Biker-Paradies. Hier ist es gigantisch schön. Morgen geht’s nach El Paso, von dort nach Hause. Mit Wehmut schaue ich in den schlammigen Fluss, sehe die Berge, die Prärie – ich glaube, ich will nen Cowboy als Mann.

Text © Susi Boxberg
Fotos © Christoph Papsch