Kanada: Ruf der Wildnis

Ontario hat wenig Einwohner. Dafür viele Bären, Elche, Seen und rotgefärbte Bäume. Ein Besuch in der Einsamkeit. Sanft plätschern die kleinen Wellen ans Ufer, während die Tropfen im Licht der untergehenden Sonne kess blitzen. Es ist Abend auf Manitoulin Island. Der Mond hangelt sich still am Firmament hinauf, knipst die Sterne an und bringt die Käuzchen zum kreischen. Es dämmert, bald legt sich die Nacht über Ontario.

Toronto. Eine tolle, lebendige Stadt, Little New York genannt, die so sauber blitzt, als läge sie in der Schweiz. Christoph und ich landen am Pearson International Airport. Rasch brechen wir auf um raus aus der Stadt zu kommen, Toronto muss sich noch gedulden.
Highway 10 trägt uns gen Norden hinaus aus dem Großstadtgetümmel. Besonders anregend wirkt die Autobahn nicht. Kurvenlos, unattraktiv, langweilig. Zu diesen Attributen gesellt sich ein Tempolimit von 80 km/h. Was für eine Verschwendung, knurre ich, während mich 98 PS durchs Land schleppen. Die BMW R 1200 GS ist das ideale Fahrzeug für unser Vorhaben, wähnte ich im Vorfeld, als mir Kanadas Tempolimit noch fremd war. Ich hatte jedoch nicht vor, zehn Tage im dritten Gang zu versauern. Ungeduldig schleiche ich über den Asphalt und träume von aufjaulenden Motorrad-Motoren. Einmal richtig Gas geben, wenigstens 120 Sachen. Kurz packt es mich, als der Verkehrsfluss es zulässt. 160 km/h, einen Kilometer lang. Schon nach fünfhundert Metern schiebt sich das schlechte Gewissen vors Visier. Nicht, dass mir am Ende noch ein Elch in die Quere kommt, irgendeinen Sinn muss die Geschwindigkeitsbegrenzung schließlich haben. Hoffe ich.

Kurz vor der Bruce Peninsula biegen wir in Ceylon rechts ab auf eine kleine Landstraße, um einen Schlenker durch schöne Landschaft zu machen. Direkt geht’s auf und ab, rechts und links, richtig nett. Endlich Meaford, jetzt wird’s kanadisch, denn hier stoßen wir erstmalig auf den Lake Huron, einer der fünf großen Seen, Great Lakes genannt. Ihn werden wir die nächsten Tage nicht verlassen, er wird uns stets den Weg weisen.
Am Abend erreichen wir Tobermory. Die entzückende Küstenstadt am Ende der Peninsula riecht nach Meer, Möwen fliegen kreischend im Kreise über die hübschen kleinen Häuser und in den Restaurants gibt’s ausschließlich Fisch. Das abschließende Bier aus dem Liqueur Store wird sittsam mit Papiertüte getrunken.

Am nächsten Morgen heißt es früh raus, denn um 9 Uhr legt unsere Fähre ab. Sie wird uns in zwei Stunden nach Manitoulin Island bringen, der Einsamkeit entgegen. Der Parkplatz im Hafen ist dreiviertelvoll. Im Sommer übernachten die Leute in ihren Autos, um am nächsten Tag einen Platz auf der Fähre zu ergattern, erzählt man sich. Erbarmungslos schütteln die wilden Wellen des Lake Huron das große Schiff durcheinander, es ist hoher Seegang. Sorgenvoll gedenke ich unserer Maschinen unter Deck, die fest verzurrt im Kreise fetter Harleys die Stellung halten.
Die Maschinen gehören Joel, Tom und Bob. „Don’t spell it wrong!“, schulmeistert Letzterer spaßeshalber auf die Frage nach seinem Namen. Das muntere Trio aus Kitchener wird dieses Wochenende auf dem Ledersattel verbringen. Schade, sie werden die einzigen Biker bleiben, die wir unterwegs treffen. Verwundern tut dies nicht, denn im Herbst wird es hier oben mitunter recht frisch.

Ankunft in South Baymouth zur Mittagszeit. Endlich beherrschen Bäume das Blickfeld, um uns herum ist nur Natur. Jetzt sind wir wirklich in Kanada angekommen. Während wir viele Stunden durch immer bunter werdende Wälder zockeln, die immer wieder von Seeblicken unterbrochen werden, fange ich an, die Langsamkeit zu entdecken. Sie und ich nähern uns an, beginnen uns zu mögen. Ist doch eigentlich schön, so mäßig durch ein fremdes Land zu zockeln, Gang fünf und sechs in Urlaub zu schicken. Ich gewöhne mich ans gemäßigte Fahren und erfreue mich dieser schönen Insel. Wild weht der Wind über sie hinweg, das Spritzwasser des Sees erreicht mitunter die Straße.
An der Südküste stoppen wir in Providence Bay. Ein kleines Dorf mit mediterranem Charakter. Der große Sandstrand leuchtet in der Mittagssonne, während der See meeresgleich die Wellen an Land spült. Rex und Bob, ihres Zeichens Herren im besten Alter sitzen schon seit dem Morgen in ihren Regiestühlen und warten auf fette Beute. Lachse, auf die es die beiden abgesehen haben, konnten sich bisher aber erfolgreich fern halten, die Eimer sind leer. Eine Weile gesellen wir uns zu ihnen, plaudern über dies und das. Bevor die Maschinen zur Weiterfahrt mahnen setze ich mich auf eine Schaukel am Strand und schwinge mich für ein paar Minuten zurück in ferne Kinderzeiten. Ich schließe die Augen und genieße das Kribbeln im Bauch, wenn es rückwärts geht. Christoph sitzt auf einer Bank, sonnt sein blasses Gesicht. Sommer.

Manitoulin Island ist mit seiner 1 500 Kilometer langen Küste die größte Süßwasserinsel der Welt. Viele Orte gibt es hier jedoch nicht. In einem der wenigen, Gore Bay mit 900 Einwohnern die zweitgrößte Stadt, landen wir am späten Nachmittag. Der ideale Zeitpunkt, um vom Aussichtspunkt East Bluff Look einen sensationellen Blick hinab auf den Huron zu genießen. Während die Sonne sich zum Horizont hinab neigt, die Felsküste der Brandung trotzt und das Licht golden die roten Blätter des Indian Summers anstrahlt streift mich für einen Moment das Gefühl des Glücks.
Unser Nachtquartier befindet sich unweit von Little Current, in Endaa-aang. Das Örtchen – oder besser Plätzchen – besteht aus nur zwei Holzhütten direkt am See. In einer davon werden wir die nächtigen. Inmitten der Wildnis. Die Motorräder stehen abfahrbereit nah an der Hüttenwand. Ganz wohl ist mir nicht. Beim Blick aus dem Fenster in die stockdunkle Nacht denke ich an all die Bären – und Elche -, die es hier angeblich in Scharen geben soll. Allerorten spricht man uns mit sorgenvollem Blick an, dass wir ja vorsichtig sein sollen. Drive carefully, beware of the bears. And Elks. Die bisherige Bilanz fällt indes negativ aus. Weder Meister Petz noch Herrn Elch erblickten unsere neugierigen Augen, was Christoph und ich sehr bedauerten. In dieser Nacht jedoch verzichte ich gern. Auf einen frechen Schwarzbär habe ich hier in der Einsamkeit keinen Appetit. Und er hoffentlich auch nicht auf mich.
Während ich verängstigt verängstigte Bären beschwöre klingen mit einem Male menschliche Stimmen aus der Nachbarhütte zu uns herüber. Wie nett, Gesellschaft. Spontan traben wir hinüber und laden uns selber ein. Eine fröhliche, äußerst gastfreundliche Quad-Fahrer-Truppe empfängt uns mit unglaublich leckerem Fisch und mehreren Lagen Bier im Kühlschrank. Nachdem sie den ganzen lieben langen Tag über stillgelegte Eisenbahntrassen geknattert sind, knallen sie sich am Abend die Rübe zu. In Maßen, versteht sich. Um Mitternacht liegen wir uns in den Armen, tauschen Adressen, pfeifen auf Bären und Elche . Der Mond steht über uns hält die Wacht.

Am nächsten Morgen wachen wir unversehrter Dinge auf. Weder Bier noch Tier tat uns leid an, also nichts wie los. Bevor wir Manitoulin Island wieder verlassen, besuchen wir in M’chigeeng das Museum der Objibway-Indianer, welche die Insel vor 9500 Jahren als erste besiedelten. „First Nation“ nennen sich die Indianer noch heute, das erste Volk. Jeder zweite der 12000 Insel-Bewohner hat indianischen Ursprung, fünf Stämme gibt es noch auf Manitoulin. Nur an den Gesichtszügen kann man die Wurzeln ihrer Vorfahren erkennen. Von ihrer traditionellen Kultur bekommt der Besucher auf den ersten Blick nichts mit. Auf den zweiten schon, doch leider müssen wir weiter.
Nördlich von Little Current fahren wir auf die Highways 6 und 17, steuern Sudbury an um dann an der nächsten Kreuzung rechts auf die 69 abzubiegen, grobe Richtung Toronto. Bei Tim Hortons wird gefrühstückt. Ich liebe Tim Hortons, werde süchtiger von Tag zu Tag nach ihm. Dahinter verbirgt sich eine Zuckerbäcker-Fastfood-Kette, die über ganz Kanada verstreut ist. Hier gibt’s die süßesten und buntesten Donuts aller Zeiten, täglich wechsele ich meine Bestellung. Horton war ein Eishockey-Spieler, dessen Mutter eine Bäckerei besaß, so die Legende. Über den dünnen Kaffee lege ich lieber den Mantel des Schweigens. Aber über den Ananas-Donut, oder den mit der Zimt- und Zuckerglasur, oder….
Nach zweimal Abbiegen und 110 Kilometern sind wir schon wieder am Tagesziel, pünktlich zum Mittagessen. Killarney ist das nächste Etappenziel.

Diese kleine 200-Seelen-Siedlung liegt am Nordufer der Georgian Bay, zu deutsch Georgsbucht. Welche wiederum den Ost-Arm des Huron-Sees bildet. So bleibt alles in der Familie. Hier ist nicht viel los, die nächste Tankstelle ist siebzig Kilometer entfernt, in der einzigen Kneipe „Pine Inn“ sitzt später am Abend ein einziger Gast über einer Coca Cola. Ein Grund mehr die Karren stehen zu lassen und sich dem Wassersport zu widmen. Kanu fahren zum Beispiel. Am Anfang haben wir noch Schwierigkeiten, den Rhythmus zu finden. Paddeln uns aber nach und nach ein. Still schiebt uns das Kanu voran, vorbei an steilen Ufern aus rosa Granit. Die Bäume ringsumher erröten zunehmend, was für ein Farbenspiel.
Getoppt wird Ausflug nur noch durch einen Segeltörn mit zwei Profis. Eileen und David sind vor gar nicht langer Zeit von einem zwölf-jährigen Karibik-Törn zurückgekommen. Er verdiente sich währenddessen sein Geld mit Gastkolumnen in einer Segelzeitschrift. Und sie? „She’s a singer“ antwortet David stolz. Seine Frau textet, komponiert, spielt und singt ihre eigenen Lieder. Kann offenbar ganz gut davon leben. Chapeau, sage ich, ich bin beeindruckt. Sie selbst ist bescheiden, bezeichnet sich als kleinen Fisch im großen Aquarium. Um eine Kostprobe kommt sie natürlich nicht herum. Und während David mit ernster Mime auf Steuer und Segel achtet lauschen wir Eileens schöner Stimme, die von Sehnsucht und der Liebe singt. Ja, ja, so eine Seemannsbraut, die hat was zu erzählen.

Der nächste Tag gehört wieder der Straße, die uns zum Algonquin-Park tragen wird. Um dorthin zu gelangen bedarf es einer herrlichen Berg- und Talfahrt, Kurven inklusive. Davon war bisher nicht viel zu sehen. Umso schöner ist der schräge Cruise-Genuss auf dem Highway 3. Da merkt man erst mal, was die Maschinen alles können – und wir vermissen.
Bei Ankunft ist der Himmel bedeckt, kalte 18 Grad liegen in der Luft. Wie schön, dass in unserer Lodge ein Kaminfeuerchen lodert. Noch schöner scheint am nächsten Morgen wieder die Sonne, so dass wir uns früh aufmachen, um erneut in ein Kanu zu steigen. Durch den Algonquinpark führt nämlich nur eine Straße, der Parkway Corridor (Highway 60). Kurz vor der Parkausfahrt biegen wir nach links ab, um dort bei Jerry ein Bootstürchen zu buchen. Diesmal in einem der 2500 Seen des Parks, diesmal mit dem Sporstudenten Jeff.
Zunächst knattert er mit einem Motorboot zwanzig Minuten lang in die Tiefe der Wildnis. Als er endlich an einem kleinen Inselchen anhält, bin ich schon fast zu Eis erstarrt. Der Winter ist nicht mehr allzu weit, der Fahrtwind hat es in sich. Die stehende Luft indes ist mild, sie erinnert wiederum an einen schönen Spätsommertag. Ehe ich mich für eine Jahreszeit entschieden habe sitze ich auch schon wieder in einem schmalen Kanu. Auf geht’s ins Hinterland. Den Rest dieses herrlichen unberührten Fleckchen Erde lässt sich nur über Wasserwege erkunden. Herrlich. Unberührte Natur. Neben uns schwimmt ein Biber rücklings, putzt sich ungeniert und intensiv den dicken Pelz. Er ignoriert uns gewissenhaft, während wir seine langen Zähnchen in der Sonne blitzen und wir die Augen nicht von ihm lassen können. Stunden im Paradies, vergehen im Fluge. Die Stille wird nur vom Eintauchen der Paddel und Gekreische fremder Vögel durchbrochen.

Toronto. Hell, bunt und voller schöner Menschen. Was für ein Gegensatz zu den letzten zehn Tagen. Die Zivilisation hat uns wieder. Aufdringlich und laut wirkt die Stadt jedoch nicht. Viele Viertel warten auf neugierige Besucher, vor allem Chinatown am Kensington Markt. Toronto bedeutet übersetzt „Treffpunkt“. Und nirgends in der Stadt trifft dieser Ausdruck so präzise zu wie hier. Russen, Ungarn, Portugiesen, Chinesen, Mittel- und Südamerikaner, Jamaikaner… Ein aufregendes Viertel, ist dem es viel zu sehen gibt. Vorne die Secondhand-Boutique, im Hinterhaus eine Tofufabrik. Zwei Kilometer Richtung Zentrum sitzt die Schicki-Micki-Klientiel im „The One“ und schlürft seine Austern. Wir kaufen in der Uni selbstgemachten Ahornsirup und sind erschöpft. Die Wildnis, die hatte wirklich was.

Text © Susi Boxberg
Fotos © Christoph Papsch