Kroatien-Bosnien Herzegowina: Balkanblues

Mitten in Europa liegt ein Land, das kaum jemand kennt: Bosnien-Herzegowina verbindet den fruchtbaren Norden Kroatiens mit der azurblauen Küste Dalmatiens.

Wo geht es denn nun lang? An der Kreuzung steht der Wegweiser, darauf der Name der Stadt. Wir wollen nach Krizevic. Dummerweise ist die Straße gesperrt, wird gerade neu gemacht. Auf der Karte sehen wir, dass uns nun ein riesiger Umweg bevorsteht, der unseren Zeitplan ordentlich ins Trudeln bringen kann. Wir wollen heute noch die 350 km bis Daruvar schaffen. Die alte Frau, die am Gartenzaun ihres Hauses steht und uns Hilflosen mit der Straßenkarte zuschaut, gibt uns mit einem Blick auf unsere Motorräder lässig zu verstehen: “Fahrt doch einfach die Strecke. Da wird zwar gerade gebaut, aber das sollte euch nicht stören.” Und mit zwinkerndem Auge: “Mit den Dingern kommt ihr da schon durch.”

Wir sind mit unseren zwei BMWs in Kroatien unterwegs. Unsere Reise soll uns in den nächsten Tagen durch Nord-Kroatien und über die Berge Bosnien-Herzegowinas führen. Mostar ist unser Ziel, die geschundene Stadt, im Krieg lange umkämpft und arg zerstört. Danach zur warmen Mittelmeerküste Dalmatiens. Aber jetzt steht erst einmal Schotterpiste an. Um uns einen weiten Umweg zu sparen verlassen wir uns auf die nette Kroatin vom Gartenzaun und befahren die Baustelle. Da uns immer wieder Autos entgegen kommen, scheint das, was uns so merkwürdig vorkommt, hier ganz normal zu sein. Einfach mitten durch! Das gefällt uns und nach einer Stunde haben wir den Pass hinter uns gelassen und erreichen Krizevic. Von dort führt uns die Route weiter über sanfte Hügel auf und ab, und durch geschwungene Kurven fahren wir unter blauem Himmel durch Mais bewachsene, goldgelbe Landschaft.

Die Sonne strahlt und die Temperatur steigt je weiter wir auf unseren Packeseln gen Süden reiten. Was gibt es jetzt schöneres: auf dem Motorrad sitzen und genießen. Nur die Straße, der Belag erschwert uns die Fahrt. Längsrillen fräst man hier scheinbar gerne, um den Grip auf der Straße zu gewährleisten. Für Autofahrer ist das eine praktische Sache. Nur an uns Motorradfahrer hat keiner gedacht. Wir tasten uns weiter vor und kommen langsam von einem Dorf in das nächste. Was wir dabei sehen: Einschusslöcher von Granatsplittern und Gewehrkugeln in den Hauswänden. Es ist noch nicht allzu lang her, dass auch in diesem Balkanstaat die Völker gegen einander gekämpft haben. Und selbst 13 Jahre nach dem Krieg sind die Spuren hier allgegenwärtig.

An der Rezeption unseres Hotels im kleinen Städtchen Daruvar frage ich am nächsten Morgen nach dem Weg in Richtung der Grenze und halte dem Rezeptionisten die Straßenkarte unter die Nase. “Der Weg nach Banja Luka? Naja, da fahrt ihr erst dort lang und dann hier”, empfiehlt er mir. Dabei zeigt der freundliche Herr auf meine Karte und fährt mit seinem Finger die Route ab. Den Namen Banja Luka scheint er zu kennen, nur die Strecke, die er mir aufzeigt, ist irgendwie merkwürdig, liegt ganz woanders. Mir scheint, dass nicht jeder so selbstverständlich eine Landkarte lesen kann, wie wir es erwarten. Nun, immerhin kennen wir jetzt den Weg aus der Stadt – auch ohne die Karte.

Weiter geht es durch endlose Straßendörfer. An die Einschusslöcher in den Häusern haben wir uns mittlerweile gewöhnt. Das gelbe Schild am Straßengraben allerdings ist für uns neu: Es warnt vor (scharfen) Landminen, die hier noch immer auf ihre Entdeckung warten. Ein letztes Mal rechts abbiegen und dann geht es gerade auf die Grenze zu. Erst kommt der kroatische Grenzposten, hier werden wir aus dem Land ausreisen. Lange schaut der Beamte in meinen Pass und mich dann streng an. Alles in Ordnung, wir dürfen passieren. Dann folgt die Brücke über den Fluss Sava und die bosnisch-herzegowinische Grenzstation. Hier werden wir in das nächste Land einreisen. Diese Prozedur ist uns in unserem grenzenlosen Europa abhanden gekommen. Das erste Mal werde ich hier nach den Papieren meines Motorrades gefragt. Reisepass, die Grüne Versicherungskarte und die Kfz-Papiere werden gewünscht. Nach kurzer Kontrolle winkt uns der Grenzer in seiner mit ordentlich Gold und Silber gespickten Uniform durch.

Dann liegt es vor uns, das neue Land: groß, breit und unentdeckt. Und los geht’s! Bosnien-Herzegowina ist in seinem Norden eine weite Ebene. Die Straßen sind gerade und der Horizont weit. Die ersten Kilometer beeindrucken uns, nicht nur wegen der kyrillischen Schrift auf den Straßenschildern, vor allem auch wegen der Weite und der Ursprünglichkeit des Landes. Die merken wir auch an der Qualität der Straße. Unsere geliebten Motorräder werden auf der Tour ordentlich geschunden. Weil dann noch die Kette von Rudis F650GS einen deutlichen Bogen nach unten beschreibt, halten wir an einer Kfz-Werkstatt. Wir leihen uns Werkzeug um die Kette zu spannen und einen Mechaniker, der die von BMW empfohlenen 100 Nm ziemlich lässig aus der Hand festzieht. Gleich mehrere seiner Kollegen stehen Hilfe leistend und mit guten Ratschlägen neben ihm. Eigentlich wie bei uns zu hause.

Bei unserem Stopp treffen wir auch Thomas aus Österreich. Er kennt das Land seit mehreren Reisen. Auf unsere Frage nach einem guten Rat für unsere Weiterfahrt sagt er: “Passt mit dem Verkehr auf, besonders vor den LKW müsst ihr euch in Acht nehmen. Und auf der Straße könnt ihr alles finden: Autoreifen, Tiere und Spurrillen so tief wie Ackerfurchen.” Na, das kann ja lustig werden.
Die Nationalstraße 16 ist im Folgenden eine langweilige, vierspurige Autobahn, auf der wie selbstverständlich Personen und Hunde die Straßenseite wechseln. Die Großstadt ist nahe, die Hektik mit ihr. Wir fahren in die quirlige und laute Stadt Banja Luka – und gleich wieder hinaus, denn was dann folgt ist alles andere als gefährlich, Angst einflößend oder irgendwie düster. So jedenfalls hatten wir uns Bosnien-Herzegowina bisher vorgestellt. Der Fluss Vrbas hat sich hier in die Landschaft geknabbert und in den letzten Jahrtausenden eine bizarre Schlucht geschaffen. Wir schwingen genüsslich mit unseren BMWs den Fluss entlang, durch flotte Kurven, die schlicht in den Fels gehauen sind. Einige Vorsprünge hängen bedrohlich direkt über uns und wir können nur hoffen, dass alle Steine schön oben bleiben. Links neben uns plätschert der Fluss mit dem unaussprechlichen Namen und die Sonnenstrahlen glitzern auf der Wasseroberfläche. Bei soviel Schönheit und prächtiger Natur legen wir heute mehr Pausen ein als sonst.

In Jajce, der Stadt, die genau in der Mitte Bosnien-Herzegowinas liegt, geht es an der großen Kreuzung im Norden nach Banja Luka, im Westen nach Bihac und im Süden nach Sarajevo und Mostar. Bedeutend ist, dass Jajce Anwärter für das UNO-Weltkulturerbe ist. Nach unserem ersten Rundgang wissen wir auch warum: Auf einem Hügel über dem Tal erhebt sich majestätisch die mittelalterliche Altstadt von Jajce, umzäunt von einer hohen steinernen Stadtmauer. Obenauf thront die Zitadelle. Darunter erstrecken sich die Katakomben, die eine unterirdische Kirche mit dem Grab des Stadtgründers Herzog Hrvatinic beherbergen. Worauf die Bürger von Jajce aber besonders stolz sind ist der ungeheuerliche Wasserfall inmitten der Stadt. Hier stürzt sich die Pliva über mehrere Meter in die Tiefe. Es heißt, der Wasserfall von Jajce sei einer der zwölf schönsten der Welt. Von seinem Anblick sind wir entzückt, können uns das mit dem oberen Platz auf der Weltrangliste aber doch nicht so recht vorstellen.
Nach soviel Kultur ist erst einmal ein ordentliches Abendessen fällig. Im Restaurant direkt neben Jajce’s Weltwunder läuft uns beim Anblick der reichhaltigen Auswahl an Speisen auf der Karte das Wasser im Munde zusammen. Mit der Kellnerin kommt dann allerdings auch die Ernüchterung an unseren Tisch: “Die Speisekarte ist nicht gültig. Der Koch ist heute krank.” Einsilbig empfiehlt sie uns deshalb “Civap”. Die fettigen Fleischklopse im öldurchtränkten Fladenbrot spülen wir mit einheimischem Sarajevsko Bier herunter, was daraufhin erheblich unsere gute Stimmung wiederherstellt.

Am nächsten Tag: Flussfahrt. Der Vrbas schlängelt sich weiter gen Süden durch prächtige Landschaft. Links und rechts von uns erstrecken sich Wälder und Wiesen, auf denen genüsslich Kühe weiden. Hier sehen wir allerdings auch was wir nicht verstehen: In einer Biegung dümpelt Fußballfeldgroß ein Teppich aus Müll und leeren Plastikflaschen auf dem Fluss. Umweltbewusstsein? Fehlanzeige. Ein paar Kurven zuvor konnte ich mir noch ein kühlendes Bad in dem Fluss vorstellen, hineinspringen und die herrliche Natur vom Wasser aus genießen. Jetzt möchte ich nur schnell weiter. Etliche Windungen später erklimmen wir den letzten Pass unserer Tagestour, bevor es in rauschender Abfahrt nach Mostar geht. Die Vegetation wird hier immer spärlicher, kaum mehr Bäume, nur dürres Gestrüpp begleitet uns am Straßenrand. Nun beginnt die dalmatinische Karstlandschaft. Die Temperatur ist mittlerweile auf knapp 40 Grad im Schatten gestiegen. Ich öffne das Visier meines Helms, um für etwas Kühlung zu sorgen. Aber was mir entgegen kommt ist nur noch heißere Luft, die beileibe nicht kühlt.

Bei der Einfahrt in die Stadt Mostar stellen wir fest, dass diese eine besondere Anziehung auf Touristen hat. Wer sich schon nach Bosnien-Herzegowina verirrt hat, landet selbstverständlich auch hier. Jeder kommt nach Mostar, um Stari Most, die Brücke über den Fluss Neretva anzuschauen. So auch wir. Der erste Kontakt mit dem Wahrzeichen ist erhaben: Die Brücke galt in ihrer Geschichte schon immer auch als Brücke zwischen den Kulturen, zwischen Christentum und Islam. Im Krieg wurde Stari Most zusammen mit sieben anderen Brücken in Mostar von einem Panzer der bosnisch-kroatischen Armee zerstört. Der Kampf zwischen den verschiedenen Ethnien brannte seit Jahren und sollte noch grausamer werden. Zwischen den zwei Flussufern gab es seitdem keine Verbindung mehr. Nach dem Krieg wurde die Brücke mit EU-Mitteln in mehreren Jahren originalgetreu wieder aufgebaut.
Heute erstrahlt Stari Most wieder und streckt sich gleißend und majestätisch zwischen Häusertrümmern über den Fluss. Sie verbindet dabei zwei sehr unterschiedliche Stadtteile. Im östlichen Teil lebt die überwiegend muslimische Bevölkerung. In der Einkaufsstraße oberhalb der Brücke erstrahlt die Stadt in orientalischem Flair. In einem kleinen Restaurant nehmen wir unser Abendessen ein, dazu ein kühles Blondes? Leider nicht. Alkoholische Getränke werden im muslimischen Teil der Stadt nicht ausgeschenkt. Was bleibt uns übrig: wir wechseln nach dem leckeren Mahl einfach den Stadtteil. Ein kurzer Fußweg über die Brücke und schon sind wir im westlichen, dem kroatischen Teil der Stadt. Hier reiht sich ein Café an das nächste und unser abendliches Kaltgetränk ist rasch bestellt. Selig lassen wir dabei den Tag Revue passieren, erfreuen uns am warmen Abend. Plötzlich ein dumpfer Knall. Bumm. Vor unserem inneren Auge sehen wir, was wir zu verdrängen suchen: Schüsse, Granaten, Krieg. Das ist doch lange vorbei! Oder etwa nicht? Unruhe ergreift uns. Die Leute um uns herum nehmen allerdings keine Notiz von dem Getöse, es wird weiter laut gelacht, man nippt an seinem Bierglas. Erst der Schein der Feuerwerksrakete lässt uns aus unseren düsteren Vorstellungen erwachen.

Den südlichsten Punkt unserer Reise haben wir nun erreicht. Von Mostar aus reisen wir gen Westen, zurück nach Kroatien und an die Küste. Nach etwa 300 Kilometern liegt die azurblaue Adria vor uns. Wie blau das Meer sein kann sehen wir beim Heranfahren. Auf der Insel Murter legen wir einen Zwischenstopp ein. Vor den Restaurants lächeln uns aufgespießte Spanferkel vom Grill aus an. Es gibt herrliche Buchten, in denen prächtige Segelschiffe und superteure Yachten ankern. Quitschbunte Badehosen bevölkern den Strand. Wir legen bei soviel Ferienflair einen Ruhetag ein und genießen den Luxus einer erstklassigen Badebucht. In unserer Pension “Rosa”, die auch so aussieht wie sie heißt, sinken wir abends erschöpft von soviel Erholung wohlig in unsere Betten.

Am nächsten Morgen geht es weiter die Küste entlang. Ein Blick in die Altstadt von Zadar muss sein, schon wegen der besonderen Lage auf der Landzunge und dem unglaublich glatt polierten Steinboden in den engen Gässchen. Dann empfängt uns wenige Kilometer später die Insel Pag mit ihrem beeindruckenden Nichts. Wer über die kurze Brücke bei Miskovici kommt, betritt eine andere Welt: Von weitem schon sieht man, dass hier Felsen, Stein und blanke Ödnis regieren. Berauscht von diesem Naturschauspiel genießen wir die Kurven bis zur Fähre auf der anderen Seite des Eilands. Die Landschaft wird währenddessen immer karger, Steinmauern dienen hier dem wenigen Gestrüpp als Schutz gegen den oft rauen Wind.
Zurück auf dem Festland empfängt uns, nach ein paar Windungen den Berg hinauf, eine der schönsten Küstenstraßen Europas. In endlosen Schleifen fädelt sich die Nationalstraße 8 die Steilküste entlang, mit einer traumhaften Aussicht über das Meer und die davor gelagerten Inseln Rab und Prvic zur Linken. Zur Rechten thronen fett die Gipfel des bis zu 1.750 Meter hohen Velebit.
Die Dämmerung bricht ein, als wir den Ort Selce erreichen. Auch im Dunklen erkennen wir die Schönheit dieses Ortes. Im kleinen Hafen von Selce dümpeln stolze Fischerboote in einem Wasser, das so klar ist, dass wir im Schein der Laternen die Fische wie in einem Aquarium beobachten können. Langsam geht unsere Reise nun dem Ende entgegen. Bei einem kühlen Glas Weißwein freuen wir uns, doch noch diese schöne Route durch die beiden Balkanländer gefunden zu haben.

Text & Fotos © Christoph Papsch