Sieg und Lahn: Im Zweistromland

Die Flüsse Sieg und Lahn entspringen beide im südlichen Rothaargebirge und münden später in den Rhein. Bei einem Ausflug an Deutschlands beliebte Freizeitflüsse kann man vieles erleben: weite Wiesen, dunkle Wälder, mittelalterliche Burgen und märchenhafte Städte.

Na klar, der Rhein ist die Nummer eins, den kennt jeder. Wir aber wollen sehen, was seine Nebenflüsse zu bieten haben und machen uns deshalb entlang dem Ufer auf zu deren Quellen. An einem sonnigen Morgen starten wir unsere Tour nördlich von Bonn. Die Sieg mündet hier recht unscheinbar in den Rhein. In greifbarer Nähe liegt die Stadt Siegburg, die mit dem erhabenen Michaelsberg, in dessen Abtei seit nahezu 1000 Jahren Benediktiner­mönche leben, auf sich aufmerksam macht. Wir sehen auch das schöne Seligenthal und die Ausläufer von Hennef alsbald im Rückspiegel und folgen der B62, die hier zu Recht auch Sieg-Freizeitstraße heißt, weiter gen Osten. Die Sieg ist hier ein schöner Wald- und Wiesenfluss: Hier gibt es keine tiefen Täler und Schluchten, keine Schattenseiten. Links und rechts des Flusses breiten sich herrlich grüne Wiesen aus, gelb gesprenkelt mit tausenden Löwenzahn-Blüten, gefolgt von frischen Laubwäldern und zart blühenden Obstbäumen, friedliche Natur ist das hier. In dem weiten Tal meint es die Bundesstraße gut mit uns und präsentiert sich mit erstklassigen Schräglagen-Kurven.

Im Windecker Ländchen zeigen sich die Dörfer links und rechts der Straße im Siegerländer Stil: schwarz-weiße Fachwerkhäuser säumen unsere Route, bis wir wenig später den Ortsteil Schladern erreichen. Bei einer Rast und einem Milchkaffee genießen wir den Blick auf den imposanten Wasserfall: Hier stürzt sich die Sieg auf einer Breite von 80 Metern über drei Meter waghalsig in die Tiefe. Gerade bei Hochwasser ist das eine abenteuerlich schöne Naturlandschaft. Heute aber enttäuscht die Sieg leider mit Niedrigwasser, sodass wir unsere Maschinen satteln und uns durch die nächsten Kurven schwingen. Wir passieren die Orte Wissen, Betzdorf und bald auch Kirchen. Rechts neben uns plätschert die Sieg und glitzert im Sonnenschein. Allerorten sieht man Gummi gestiefelte Angler, die ihre Köder ins Wasser halten. Wir wünschen ihnen „Petri Heil“ und setzen unsere Tour fort.

Hinter der nächsten Flussbiegung wacht hoch oben auf dem Berg die frühmittelalterliche Freusburg über das Siegtal. Unten im gleichnamigen Ort treffen wir in einer Hinterhofgarage auf das „Schwalbennest“, in dem drei Jungs an ihren Simson Schwalbe schrauben. Die guten Schätzchen werden fein poliert und für ihre nächste große Ausfahrt vorbereitet. Wir quatschen ein wenig mit den stolzen Besitzern, merken aber bald, dass wir mit unseren GS für unsere Tour besser gerüstet sind und folgen der B62 weiter bis wir wenig später Siegen erreichen. Einfahrt in die Stadt erhalten wir unter einem modernen Viadukt: Die A45 führt 100 Meter über den Häusern der Stadt entlang und streckt sich auf einer Länge von einem Kilometer von Hügel zu Hügel. Die Eiserfelder Brücke ist damit eine der höchsten und größten Autobahnbrücken Deutschlands.

Weit ist es nicht mehr ins Quellgebiet der beiden Flüsse, hinter Netphen rechts und einmal noch links. Die Sieg, die sich hier durch grüne Wiesen schlängelt, wird immer kleiner: Wir können bereits von einem Ufer zum anderen springen ohne nasse Füße zu bekommen. Nur wenige Kilometer später ist das erste Ziel unserer Tour geschafft. Denn auf einmal liegt sie vor uns, die Quelle der Sieg. So unscheinbar wie sie bei Bonn in den Rhein mündet, tropft sie an diesem Ort aus gemauertem Stein. Aus einem schlichten Rohr entspringt hier ein Fluss. Und wie klein der noch ist. Unvorstellbar, dass das Wasser tatsächlich in Bonn ankommt, und später sogar in der Nordsee.

Wir überqueren den mit 630 Metern höchsten Punkt unserer Reise und nur drei Kilometer später erwartet uns der Beginn unserer zweiten Etappe: Hier entspringt die Lahn. Wo sie dies genau tut, ist nicht ganz geklärt. Jahrzehntelang wurde zahlungswilligen Gästen im Keller des ForsthausesLahnhof ein Rinnsaal gezeigt, das aus einer Holzverschalung rieselte und die Lahnquelle darstellen sollte. Sie war die Erfindung eines geschäftstüchtigen Försters. Erst als das Forsthaus verkauft wurde flog der Schwindel auf. Heute beherbergt das Haus ein Ausflugslokal und ein daran angrenzender Teich wird als die Quelle der Lahn beschrieben. Mehrere kleine Wasseradern fließen auf den umliegenden Wiesen zusammen und bilden einige hundert Meter weiter die bereits auf stattliche Breite angewachsene Lahn.

Auf einem schmalen Sträßlein rauschen wir durch den dunklen Wald des südlichen Rothaargebirges, vorbei an Heiligenborn und Banfe. Endlich bekommen unsere beiden GS ein wenig mehr zu tun. Die Landschaft hat sich mittlerweile komplett geändert. Es riecht nach frisch geschlagenen Bäumen und feuchtem Nadelwald. Wir kraxeln Berge hinauf und sausen steile Abfahrten wieder hinab. Bad Laasphe und das historische Biedenkopf lassen wir bald hinter uns und entfernen uns kurz von der noch quellfrischen Lahn. Mit großen Schritten geht es nun auf Marburg zu.

Marburg, oh Marburg. „Wenn das hier nur eine Stadt wäre. Aber es ist ja ein mittelalterliches Märchen“. So schrieb der Schriftsteller Boris Pasternak zu Beginn des 20. Jahrhunderts über die Stadt. Bis heute hat sich daran wenig geändert. Von der Lahn unten im Tal zieht sich die Stadt durch verwinkelte Gässchen bis hinauf zum Schloss der einstigen Landgrafen von Hessen, die hier ab dem 13. Jahrhundert residierten. Wir schlendern über das alt-ehrwürdige Kopfsteinpflaster in diesem Gassen-Labyrinth und genießen oberhalb des historischen Rathauses unser Abendessen. Zum Sonnenuntergang brechen wir auf in Richtung Gießen und reiten die wenigen Kilometer auf unseren BMW gen Süden, durch weite Landschaft und vorbei an knallgelben Rapsfeldern.

Den nächsten Tag starten wir im Gleiberger Land, das sich westlich von Gießen erstreckt. Erster Halt ist das Städtchen Lahnau. Hier gibt es noch eine Mühle direkt am Fluss, in der wie in alten Zeiten Mehl hergestellt wird. Die Lahn war in vergangnen Jahrhunderten auch unter wirtschaftlichen Gesichtspunkten für die Menschen wichtig. Die Wasserkraft des Flusses trieb Mühlräder an und sorgte mit Turbinen für die Energiegewinnung. So wurde in der Stadt Weilburg, die wir wenige Zeit später erreichen, für die einstige Schifffahrt ein 200 Meter langer Tunnel durch den Berg gegraben. Dieser sollte als Abkürzung einer Lahnschleife für die Frachtschiffe dienen. Heute ist der Tunnel nur noch eine abenteuerliche Attraktion für Freizeit-Paddler. 40 Meter darüber erhebt sich glanzvoll eines der best erhaltenen Renaissance­schlösser in Hessen. Nach dem Vorbild des Schlosses von Versailles ließ Graf Johann Ernst von Nassau zu Beginn des 18. Jahrhunderts den Schlossberg und die gesamte Stadt Weilburg umgestalten. Gleichzeitig legte er einen herrlichen Schlossgarten an, der heute als einer der schönsten in Deutschland gilt. Von hier kann man einen großartigen Blick über die Stadt und das Lahntal genießen.

Wir haben schon längst die viel befahrene Bundesstraße 49 verlassen, die Gießen mit Limburg verbindet. Anders kann man dieses „Ferienparadies Lahn“ nämlich nicht erleben. Die Marmorstadt Villmar mit seiner einzigartigen Brücke aus Lahnmarmor lassen wir bald hinter uns und erreichen wenig später das idyllische Fachwerkstädtchen Runkel. Die eindrucksvolle Burg, die ruhig wie der Fluss mitten im Ort liegt, gilt als ein musterhaftes Beispiel für einen frühmittelalterlichen Verteidigungsbau. Beim Anblick merken wir: Hier weht der Hauch der Geschichte. Gleich kommt uns ein Bataillon Ritter auf ihren Rössern entgegen, mit klirrender Rüstung, ihre Lanzen und Standarten schwingend. Doch die haben heute ihren Untersatz getauscht und überqueren die Lahnbrücke nicht per Pferd sondern auf modernen Tourern von Honda und BMW.

Die Mittagssonne brennt uns ordentlich auf die Helme als wir in Limburg einfahren. Ein Abstecher in diese Lahnstadt muss sein, vor allem wegen der schönen Altstadt, die als Gesamtensemble unter Denkmalschutz steht, und dem weithin sichtbaren Dom mit seinen sieben Türmen, einem der eindrucksvollsten romanischen Kirchenbauten Deutschlands. Unterhalb davon in einer Mühle direkt an der Lahn stärken wir uns mit deftigem „Handkäs mit Musik“. Hier, am schattigen Flussufer, könnten wir unsere Mittagspause noch lange fortsetzen doch wir wollen heute noch bis zur Mündung der Lahn. Also los! Für kurze Zeit verlassen wir im Folgenden die Lahn. Über Birlenbach windet sich die Strecke durch märchenhaften Wald hinauf zum Schloss Schaumburg. Die gotische Burg erinnert uns an Draculas Schloss Bran: Düster thront sie auf einer Anhöhe und passt mit ihrem dunklen Gemäuer gar nicht recht in die idyllische Rapslandschaft.
An der nächsten Kreuzung biegen wir rechts ab und schon geht es wieder hinab zur Lahn, hinüber, und auf der anderen Seite wieder hinauf gen Holzappel und Scheidt. Während wir uns noch über den riesigen Ausflugsdampfer auf dem engen Fluss in Laurenburg wundern, führt uns die Bundesstraße 417 weiter an Nassau vorbei nach Bad Ems. In dem traditionellen Badeort findet sich alles, was man für eine erholsame Kur benötigt: Eine erstklassige Promenade, ein Kurhaus mit Casino und natürlich eine Heilquelle. In vergangenen Zeiten haben sich in Bad Ems bereits einige Berühmtheiten kuriert, darunter auch der russische Zar Alexander II., Musiker Richard Wagner, der Schriftsteller Victor Hugo und der Maler Eugène Delacroix.

Die Lahn hat sich mittlerweile tief in die grüne Landschaft geknabbert. Unten vom Tal bis hinauf zu den umliegenden Hügeln sind es bereits 150 Meter und mehr. Über Fachbach geht es entlang der Lahn in Richtung deren Mündung, die wir wenige Kilometer weiter in Lahnstein erreichen. Und was ist das? Uns scheint fast, wir stehen am Ufer eines Meeres. Nachdem wir dem kleinen Fluss Lahn von der Quelle an gefolgt sind, wirkt der Rhein hier gigantisch groß. Wir wünschen dem Wasser der Lahn alles Gute auf der Reise zum Ozean. Einige Kilometer stromabwärts wird es bei Bonn auf das Wasser der Sieg treffen.

Text und Fotos © Christoph Papsch