Kaukasus: Der lange Weg nach Baku

Teil 1: Osteuropa

„Na dann, gute Fahrt“ wünscht uns die Gastwirtin in der kleinen bayrischen Ortschaft, in der wir gerade eine Rast einlegen. Ja, und wo es denn noch hingeht, will sie wissen? „Nach Aserbaidschan“ antworte ich, blicke in ihr erstauntes Gesicht und kann angesichts der grünen Wiesen, barocken Kirchen und weiß-blauen Gemütlichkeit um uns herum selbst nicht glauben, was wir uns da vorgenommen haben… Mittlerweile sitze ich in Baku, blicke aufs Kaspische Meer und bin mächtig stolz auf das, was wir in den vergangenen vier Wochen geschafft haben. Aber langsam, immer der Reihe nach…

Es ist ein wolkenverhangener Samstagmorgen an dem Brian, Stephan und ich es uns auf unseren drei GS gemütlich machen. Seit Wochen haben wir unsere Tour geplant, haben der E-Mail-Verkehr und die Telefonate zwischen uns zugenommen. Endlich ist der Tag gekommen: Die Bikes sind gepackt, ein letzter Check des Gepäcks und der Technik, herzliche Verabschiedung von unseren Freunden und los geht’s. Unser Plan ist einfach: Wir nehmen erst die A3 später dann die A7 gen Bayern, durchqueren Europa in Richtung Südosten, steuern die türkische Schwarzmeerküste entlang und bereisen anschließend den Kaukasus bis nach Baku.

Den ersten Stopp machen wir bei Freunden im bayerischen Bad Kötzting bevor wir die Grenze nach Tschechien in Bayrisch Eisenstein überqueren. Es geht durch wilde Schluchten und dunkle Wälder im Böhmerwald. Später schlängeln wir uns an Budweis vorbei – es ist noch zu früh am Tag für ein kühles Blondes. Auf den geraden Straßen durch Niederösterreich schnurren unsere Maschinen wohlig gen Osten. Die Sonne lacht vom blauen Himmel und die Temperaturen steigen je weiter wir vorankommen. In Hohenau überqueren wir auf einer winzigen Brücke die March und die Grenze in die Slowakei. Der Verkehr wird ab jetzt wilder, Autos überholen uns in waghalsigen Manövern. Obwohl wir müde sind beschließen wir, weiter bis Trnava zu fahren und dort eine Unterkunft zu suchen. Auf dem Weg dorthin treffen wir Laura aus Schottland, die wie wir auf Logis-Suche ist. Wir tun uns zusammen und steigen schließlich im einzigen geöffneten Hotel der Stadt ab. Laura hat sich für ihre Reise drei Monate Zeit genommen und will mit ihrer Transalp weiter in die Ukraine. Nach einem gemeinsamen Frühstück trennen sich unsere Wege. Auf unserem Tourplan steht heute Ungarn. Wir überqueren die Donau bei Esztergom und folgen dem Fluss entlang dem so genannten Donauknie. Die schmackhafte Forelle mit Walnusspanade, die wir uns zum Mittagessen kredenzen lassen, hat wahrscheinlich noch kurz zuvor vergnügt im Fluss gebadet. Wohl gestärkt erreichen wir am Nachmittag Budapest. Tanja, eine Freundin aus Deutschland, zeigt uns abends die angesagten Kneipen der Hauptstadt, wir trinken Dreher-Bier und Alma Fröccs (Apfelsaftschorle) und erholen uns vom stressigen Großstadtverkehr.

Früh am nächsten Morgen machen wir uns auf, um Budapest möglichst schnell zu verlassen. Auf der N4 geht es gen Südosten. Wir durchfahren eine weite Ebene, streifen die südliche Puszta und immer wieder gelangen wir in Orte, deren unaussprechliche Namen wir erst entziffert haben nachdem wir die Ortschaften schon längst wieder verlassen haben. Links und rechts der Straße gedeihen die allgegenwärtigen Paprika-Pflanzen, hier und da stehen knapp bekleidete Damen am Bordstein und preisen ihre Dienste an. In Oradea, 15 Kilometer hinter der rumänischen Grenze, trifft uns der Schlag: Dicke gelbe und schwarze Rauchschwaden drücken sich aus gigantischen Schornsteinen einer nahezu verrotteten Industrieanlage. Wird in diesen Trümmern tatsächlich noch produziert, ist das möglich? Der Empfang in Rumänien könnte nicht drastischer sein. Wie war das noch? Das Land ist Mitglied in der EU? Wie kann das sein?

In Oradea haben wir uns mit Petru verabredet, der hier ein großes Elektronik-Unternehmen führt. Vor dem gemeinsamen Abendessen in der Stadt, bietet er uns an, unsere Motorräder bei ihm im Lager sicher unterzustellen, was wir gerne annehmen. Ihm dann auf der Fahrt dorthin zu folgen gleicht einem Straßenrennen. Mit seinem nagelneuen Audi A8 lässt er alle Ladas und angerosteten Golf 2 rechts stehen, überholt in den unmöglichsten Situationen und bringt die Musikanlage an ihr Limit. Später schießt er uns auf dem Weg zum Restaurant Kanonenkugelgleich durch die Stadt; das Tachometer zeigt einmal tatsächlich 150 Km/h! Wir werden in den folgenden Tagen noch erkennen: Das ist die übliche Fahrweise in Osteuropa. Entweder du fährst ein lahmes Auto russischer Bauart oder du lässt es mit einem deutschen Nobel-Schlitten so richtig krachen. Hier herrscht noch Anarchie auf der Straße! Jawohl, hier werden Männerträume wahr! Wir verbringen dennoch einen sehr schönen Abend mit Petru in einem landestypischen Restaurant mit einer landestypischen Musikgruppe und mit landestypischem Essen an einem schönen See und freuen uns, dass wir es hierher geschafft haben. Rumänien ist bereits so weit von zu hause entfernt, aber eigentlich geht unsere Reise in den Kaukasus jetzt erst richtig los.

Kaffee gestärkt starten wir am nächsten Tag in die transsilvanische Bergwelt. Wir folgen der E79 in Richtung Deva und schrauben uns langsam aufwärts, kommen durch hutzelige kleine Dörfer, überholen Pferdekarren und schauen Kühen am Straßenrand tief in die Augen. Die vielen Schlaglöcher machen die Fahrt nicht einfacher; eine so schlechte Straße hatten wir bisher noch nicht, ein einziger Flickenteppich ist das. Von der Landschaft und der transsilvanischen Architektur sind wir dennoch entzückt. Hinter Brad geht es schließlich in geschwungenen Kurven wieder bergab. Ja genau, so macht das Spaß! Die Freude währt allerdings nicht lange. Hinter Deva geraten wir in den alltäglichen Wahnsinn! Die E68 ist hier eine Rennstrecke für den Transit-Verkehr zwischen Europa und der Türkei. Wir zwängen uns zwischen riesige LKW, rasende Lieferwagen, lahme Pferdekarren und besserwisserische Porsche. Jetzt bloß keine Fehler machen, immer konzentriert auf den Verkehr achten, schließlich fährt hier jeder, wie er es für richtig hält. Unser Tagesziel erreichen wir erfreulicherweise unfallfrei. Im kleinen Dorf Cristian – einem Tipp von Petru und acht Kilometer vor Herrmannstadt gelegen – rollen wir vor die Pension Spack. Herr Spack begrüßt uns am Eingangstor mit einem freundlichen „Grüß Gott“, was uns zunächst sehr verwundert. Jedoch sind wir mittlerweile in den Teil Rumäniens vorgedrungen, in dem noch immer auch deutsch gesprochen wird. Denn bereits im 12. Jahrhundert kamen im Zuge einer Ostkolonisierung die ersten Volksgruppen aus Deutschland und Österreich in die Region um Herrmannstadt und ließen sich in dem damals dünn besiedelten Gebiet nieder. Bis ins 20. Jahrhundert hinein brach der Strom der Siedler aus deutschen Gebieten nicht ab. Bei einer Volkszählung im Jahre 1930 bekannten sich knapp 750.000 von 18 Mio. rumänischen Staatsbürgern zur deutschen Nationalität. Heute gibt es noch immer eine Minderheit von so genannten Rumäniendeutschen; ihre Zahl wird auf etwa 60.000 geschätzt.

Wir genießen zwei Tage lang Herrn Spacks Gastfreundschaft, ruhen uns aus, beschrauben unsere Motorräder, lassen uns von der rüstigen Frau Zeck die Dorfkirche zeigen und die Geschichte des Ortes erzählen. Über kleine Pisten, breite Straßen und hohe Berge geht es am nächsten Tag weiter gen Süden. Nach einigen schweißtreibenden Stunden durch die flache, wenig spektakuläre Walachei – die Temperatur ist mittlerweile auf weit über 30 Grad gestiegen – erreichen wir schließlich das Donautal. Wir überqueren den zweitlängsten Fluss Europas zum dritten Mal und gelangen nach einer 10-minütigen Überfahrt und um 18 Euro erleichtert nach Bulgarien. Zum ersten Mal werden wir an dieser Grenze nach unseren Pässen gefragt. Oh wunderbares, grenzenloses Europa! Das Hotel Balkan, das hässlicher ist als sein Name vermuten lässt, ist ein liebloses postkommunistisches Hotel in Pleven. Für uns ist es jetzt aber gerade recht, da die Nacht langsam hereinbricht und wir keine Alternative finden können. Im Salon stampft der Beat einer wilden Party, junge Männer und Frauen betreten in eleganter Abendgarderobe die Lobby, am Eingang informiert ein Hinweisschild über so genannte Go-Go-Girls und wie sie zu buchen sind. Im 12. Stock bekommen wir von all dem Trubel nicht viel mit. Außerdem haben uns Bier und gigantische Schaschlik-Spieße für einen tiefen Schlaf gerüstet.

Der nächste Tag beginnt über uns mit blauem Himmel und wunderschönen weißen Wattewölkchen, unter uns mit harten, tiefen Schlaglöchern. Die Straße gen Süden ist nicht die beste, aber wir wollen uns nicht beschweren. Bulgarien entschädigt uns dafür mit grandioser Landschaft. Was für ein Anblick! Vor uns liegt das Balkan-Gebirge, das wir über den 1.500 Meter hohen Trojanski-Pass überqueren. Von dem riesigen Denkmal aus kommunistischen Zeiten, das obenauf trohnt, haben wir einen sagenhaften Blick über die Bergwelt und das darunter liegende Tal der Rosen. Aber kalt ist es geworden knapp unterhalb der Wolken, weshalb wir uns schnell die kurvige Abfahrt hinunter stürzen und hinter Plovdiv weiter der E80 folgen. Die schnurgerade und gut ausgebaute Straße ist DIE Rennstrecke für Bulgariens Sportler-Fahrer: Hier können sie ihren Maschinen PS-gerecht die Sporen geben. Von entgegen kommenden Bikern werden wir mal mit Lichthupe, mal mit ausgestreckten Beinen und einmal sogar mit einem akrobatischen Handstand auf einer (ziemlich schnell) fahrenden Maschine gegrüßt!

350 Kilometer, einen Plausch mit der türkischen Grenzbeamtin („Nehmt ihr mich mit, hinten drauf?“) und drei Autobahnstunden später erreichen wir die Metropole Istanbul. Der Verkehr ist gigantisch; wir müssen aufpassen, dass wir uns zwischen den rasenden und schneidenden Autos nicht verlieren. Doch in Vorfreude auf die quirlige Stadt finden wir unser Hotel im Stadtteil Sultanahmet auf Anhieb. Die erste Hälfte unserer Reise haben wir mittlerweile hinter uns. Drei Tage nehmen wir uns Zeit für die wunderbare Stadt Istanbul. Wir besichtigen Moscheen und Paläste, schlendern durch Gassen und über Basare und speisen vortrefflich in gemütlichen Restaurants. Doch bald wird es uns genug, wir wollen raus aus der Stadt und brauchen wieder Asphalt unter den Rädern. Die zweite Hälfte unserer Reise von Deutschland in den Kaukasus beginnt nun.

Teil 2: Türkei

Das Bergstädtchen Safranbolu, von dem uns unser Reiseführer höchste Weltkultur verspricht, steht heute auf unserem Plan. Die Fahrt dorthin beginnt mit der Überquerung des Bosporus in den asiatischen Teil der Türkei. Wir lassen die Autobahnbrücke links liegen und nehmen stattdessen die Fähre in Istanbuls Stadtteil Harem, die wesentlich spannendere Alternative. Während der 15-minütigen Überfahrt gleiten große Fracht- und noch größere Kreuzfahrtschiffe an uns vorbei. Vom Anleger aus geht es anschließend weiter entlang der Autobahn 0-4. Oh weh, dieser Verkehr! Lastwagen-Ungetüme füllen vollformatig unsere kleinen Rückspiegel, Autos kitzeln uns am Hinterrad, riesige Reisebusse überholen uns im Abstand von wenigen Zentimetern. In Gerede verlassen wir schließlich die Autobahn und schlängeln uns die nächsten Kilometer durch schöne Kurven in die Bergwelt um Karabük. Am frühen Nachmittag erreichen wir schließlich die historische Altstadt von Safranbolu, das für seine Konaks, osmanische Stadthäuser der Oberschicht im 19. Jahrhundert, berühmt ist. Das schmucke Städtchen gleicht einem Freilichtmuseum. Als einzigartiges Beispiel osmanischer Architektur steht es heute unter dem Zeichen des UNESCO-Weltkulturerbes. Wir quartieren uns in einem der feudalen Konaks ein und genießen die Gastfreundschaft von Mohammad. Beim Eintreten treffen wir den vornehmen Hausherrn im Garten beim Fotografieren seiner strahlenden und duftenden Rosen. Er widmet sich gepflegt den Foto-Künsten. Am Abend sitzen wir mit ihm und seinen Freunden auf mit Teppichen bedeckten Bänken um den Fernseher, in dem gerade Fußball übertragen wird. Neben den niedrigen Tischen gurgeln und blubbern Wasserpfeifen bei jedem Zug, den wir nehmen. Der fruchtig-süße Rauch erfüllt den Raum, sinkt auf uns nieder und macht uns Bettschwer. Wer kickt da eigentlich gegen wen? Egal, wie auch immer es ausgeht…

Beim Frühstück am nächsten Morgen hat sich der Qualm wieder verzogen. Wir ahnen bei Fladenbrot, Oliven und Schafskäse noch nicht was uns heute Schönes bevorsteht: Denn zunächst geht es in die Berge. Wir erklimmen Hügel um Hügel und rauschen durch Täler und Kurven. Teilweise sind die Straßen schnurgerade, dafür geht es rauf und runter wie im Fahrstuhl. Kühe stehen genüsslich wiederkäuend links und rechts der Straße – und auch mitten darauf, im Idealfall in Fahrtrichtung, sodass sie uns nicht weiter stören. Bis auf 1.250 Meter trägt uns ein Pass. Danach geht es innerhalb kurzer Zeit und weniger Kilometer in steiler Abfahrt bergab. Und dann liegt es vor uns, das Schwarze Meer: dunkel und groß – und mit herrlichen türkisfarbenen Buchten. Dieser Anblick lässt uns nicht los. Wir folgen lange der sehr holprigen und kurvigen Küstenstrecke und richten stets ein Auge auf die schlechte Straße, das andere auf den schnurgeraden Horizont zur Linken, der Himmel und Wasser zerschneidet. Unsere Schatten sind schon lang als wir abends unser Tagesziel erreichen. In Sinop, der Stadt die wunderschön auf einer kleinen ins Meer ragenden Halbinsel liegt, nehmen wir uns ein Hotel in bester Lage. Die Aussicht von der Dachterrasse gleicht einer Fototapete. Ist das alles echt? Ist das die Türkei, durch die wir gerade fahren? Mann, sieht das geil aus!

Die folgenden Tage verbringen wir damit, auf der mittlerweile gut ausgebauten Küstenstraße voran zu kommen. Dabei begleitet uns das Schwarze Meer zur linken, zur rechten türmen sich die schneebedeckten Gipfel des Pontischen Gebirges. Immer wieder werden wir bei unseren Stopps auf türkischen Kaffee und Çay (Tee) eingeladen, immer wieder werden wir nach Höchstgeschwindigkeit und Tankvolumen unserer Motorräder gefragt. Einmal halten wir für eine kurze Ayran-Pause im kleinen Örtchen Piraziz abseits der Küsten-Autobahn unmittelbar vor einem Lebensmittellädchen. Dessen Besitzer fällt vor lauter Erstaunen beinahe die Zigarette aus der Hand, dass ausgerechnet hier, direkt vor seinem Laden die Außerirdischen landen – so jedenfalls müssen uns die Türken auf unseren Motorrädern wahrnehmen. Wir merken ihm die Mischung aus Furcht vor den Fremden und Stolz gegenüber seinen Freunden an. Sogleich wimmelt es von etlichen Männern, die mit großen Augen um unsere drei GS stehen. Wir genießen unseren täglichen Ayran und beantworten gerne die vielen Fragen. Natürlich wird auch hier wieder deutsch gesprochen. Auf unserer Reise durch die Türkei treffen wir immer wieder auf Männer, die einige Zeit in Deutschland gearbeitet haben. Diesmal hören wir die Städte Stuttgart, Berlin und Heilbronn.

Es geht an Samsun vorbei ins kleine Hafenstädtchen Ünye, wo wir uns im Hotel Kumsal einquartieren, einem schönen kleinen Haus direkt am Meer. Der hauseigene Badestrand lockt zum Sonnenuntergang mit feinem Sand und plätschernden Wellen, in die sich Brian und ich stürzten und ein erstklassiges Badevergnügen genießen. Ab Ünye beginnt im Folgenden die türkische Haselnussküste, von der, wie es heißt, die Haselnüsse für unsere Nutella kommen sollen. Weiter geht es auf der Nationalstraße 010 an Ordu und Giresun vorbei, unser Tagesziel ist ein Hotel in der Gegend um Espiye, die uns unser Reiseführer als lohnenswert empfiehlt. Da die touristische Infrastruktur weniger wird je weiter wir in den Osten der Türkei vorstoßen und Hotels hier rar gesät sind, erkundigen wir uns bei den Einheimischen am Straßenrand und bekommen immer die gleiche Antwort: „Best, Best, 30 Km!“ und eine Handbewegung in Richtung der Straße gen Osten. Naja, schön und gut, wir brauchen nicht unbedingt das erste Hotel am Platze, ein Einfaches würde uns jetzt auch reichen. Aber immer wieder „Best, Best, 30 km“. Also machen wir uns auf und durchfahren Ort für Ort auf der Suche nach einem Quartier. Leider erfolglos. In Beshikdüzü schließlich verstehen wir die Türken. Denn hier stoßen wir auf das erste Hotel seit vielen Kilometern, sein Name: Hotel Bestt! Wir schlendern durch den unscheinbaren Ort, werden von den Einheimischen ungläubig angestarrt und lassen uns in einem kleinen Restaurant von dessen Besitzer beim Bezahlen ordentlich übers Ohr hauen. Er versteht natürlich nichts von unseren Protesten und grinst dabei von einem Ohr zum anderen. Den Abend lassen wir auf dem Balkon unseres Hotels mit Blick auf das schöne schwarze Meer mit einer Flasche Raki ausklingen, landestypisch versteht sich, auch das muss schließlich erlebt werden.

An der N010 weichen die Hasselnüsse wenig später bei Rize dem Tee. Direkt neben der Straße und an den Hängen der Berge wachsen die saftig-grünen Pflanzen, für die diese Region berühmt ist. Es ist Erntezeit und immer wieder überholen wir Lastwagen und Transporter, die über und über mit frischen Blättern beladen sind. In den Tälern zwischen den Küstendörfern qualmen die Schornsteine der Çaykur-Fabriken, es duftet herrlich nach frischem Tee. Rechts neben der Küstenstraße locken die 3.000er-Gipfel des Pontischen Gebirges. Wir erreichen am Mittag das schöne Ardeshen, suchen uns ein Quartier und brechen gleich wieder auf in die wilde Bergwelt. Die Straße nach Aydar ist gerade erst frisch geteert worden, wir glauben fast die Türken haben extra für uns den schwarzen Teerteppich ausgelegt. Es geht in wunderbaren Schräglagenkurven bergauf. Brian und Stephan sind nicht mehr zu halten, die Boxer schnurren die Straße hinauf. An Teeplantagen vorbei geht es durch wilde Schluchten an einem wilden Fluss entlang, über den sich schöne steinerne Brücken krümmen. Motorradfahrer kommen uns zuhauf entgegen, es scheint angesichts der Straßenverhältnisse die derzeit angesagte Strecke in der nördlichen Türkei zu sein. In dem 1.300 Meter hoch gelegenen Ort schließlich endet die Straße aber auch die Abgeschiedenheit. Früher kurierten im schlichten Thermalbad mit seinen 55 Grad warmen Wasser lediglich einige wenige Leute ihr Leiden aus. Heute ist der Ort ein riesiges Ausflugsgebiet mit erstklassiger Infrastruktur, in dem sich Sommer für Sommer Türken aus der Umgebung genauso wie ausländische Touristen treffen. Die Bergwelt rings um Ayder ist grandios. Wir genießen den Blick auf die schneebedeckten Gipfel, bis uns bald der Hunger wieder hinab und zurück an die Küste ruft.

Teil 3: Kaukasus

An der Grenze, 60 Kilometer hinter Ardeshen, geht dann alles ganz schnell. Die türkischen Grenzer drücken uns ihre Stempel in die Pässe, die georgischen Beamten knabbern derweil genüsslich Sonnenblumenkerne und verlangen mehrfach, einer nach dem anderen, gelangweilt unseren “Passport!” und den “Motorcycle Passport!”. Noch ein Stempel und schon sind wir drin im Kaukasus. Mit der Grenze haben wir erneut eine unsichtbare Barriere überschritten, wieder hat es einen deutlichen Schnitt auf unserer Reise gegeben. Wir sind nicht mehr in der Männerwelt der muslimischen Türkei, wir sind jetzt erneut in einem christlichen Land. Uns winken nun auch wieder kleine Mädchen und Frauen zu.

Die folgenden 160 Kilometer über den Goderdzi-Pass gestalten sich dann doch schwieriger als zunächst gedacht. Nahe der Küstenstadt Batumi biegen wir rechts ab und reisen auf frisch geteerten Straßen durch die Autonome Republik Adscharien. Es geht durch schöne Schluchten und entlang des reißenden Flusses Adzharis’kali, wir passieren historische Sehenswürdigkeiten und gelangen durch kleine Bergdörfer. Es könnte kaum schöner sein! Wenn das so weiter geht, denken wir uns, sind wir in drei Stunden über den Pass und nippen in Akhalsikhe genüsslich an unserem Bier. Unsere Karte verspricht uns nämlich eine ordentliche „Hauptstraße“. Doch nur wenige Kilometer später verschlechtert sich auch schon deren Zustand. Der Flickenteppich unter unseren Rädern wird immer schlechter, bis schließlich gar kein Asphalt mehr zu sehen ist. Auf den nächsten 30 Kilometern kämpfen wir uns über grobe Piste und umfahren tiefe Schlaglöcher. Mit den vollbesetzten Kleinbussen, uralten Lastwagen und kämpfenden Ladas, die mal uns und die mal wir überholen, bilden wir eine muntere Gesellschaft auf dem Weg zum Gipfel. Je weiter wir uns in der rauen Natur nach oben kämpfen desto schlechter wird das Wetter. Dicke schwarze Regenwolken hängen bedrohlich über den schneebedeckten Bergen, die Temperatur sinkt gewaltig. Gegen 19 Uhr erreichen wir endlich den Pass: 2.025 Meter hoch gelegen und mit einer grandiosen Aussicht in wahrhaft grandioser Natur! Ach, das entschädigt nur zu sehr für die Strapazen der vergangenen Stunden. Nach kurzer Rast und angesichts der schlechten Wetterlage beginnen wir bald mit dem Abstieg. Wir haben immer noch 30 Kilometer schlechter Piste vor uns und wollen Akhalsikhe noch bei Tageslicht erreichen.

An Schneefeldern vorbei geht es nun bergab. Wenig später beginnt es heftig zu regnen. Die Piste weicht auf und macht das Fahren noch beschwerlicher. Mehrmals müssen wir steinige Sturzbäche und tiefe Matschlöcher durchqueren. Das Fahren im Stehen und das ständige Beobachten der Piste strengen uns an. Wir haben uns mittlerweile schon an das Ruckeln und Schaukeln auf der Piste gewöhnt, als plötzlich, ach, Asphalt auftaucht! Endlich, eine gerade Linie trennt die gute von der schlechten Welt. Wir haben wieder glatten, weichen, sagenhaft schwarzen Asphalt unter den Rädern! In der Dämmerung erreichen wir die Stadt Akhalsikhe und machen uns auf die Suche nach einer Übernachtungsmöglichkeit, als neben uns ein Lieferwagen hält und uns der Fahrer auf deutsch anspricht: „Sucht ihr was, braucht ihr Hilfe?“ fragt uns Radi, der mehrere Jahre in Köln gelebt hat. Er ist höchst erfreut mal wieder deutsch zu sprechen. Sofort ist er uns bei der Suche nach einem Quartier behilflich und arrangiert für uns ein Zimmer im einzigen Hotel der Stadt. „Ich habe einen Freund bei der Polizei, dort könnt ihr eure Motorräder unterstellen, das ist gar kein Problem“, findet Radi und lotst uns auf den Hof der Gesetzeshüter. Anschließend möchte er noch richtig was losmachen. „Was wollt ihr noch machen? Braucht ihr noch was, Bier, Wodka, Frauen…?“ Wir winken dankend ab und sinken wenig später in unserem schlichten Hotel, in dem es an diesem Abend leider keine warme Dusche mehr gibt, müde in unsere Betten.

Der nächste Morgen beginnt wie so üblich mit einer Menschentraube um uns herum. Dachten wir in der Türkei noch, unsere Motorräder umgäbe ein unsichtbarer Schutzschild, bei dem keiner es wagt unsere Bikes auch nur anzufassen, ist es damit hier im Kaukasus endgültig vorbei. Wir biegen um die Ecke zum Gebäude der Polizei, das scheinbar auch ein Quartier des georgischen Militärs ist, und sehen: Mindestens 30 Soldaten stehen neugierig um unsere Motorräder. Auf meiner geliebten GS sitzt angeberisch der Gouverneur, der vor seinen Soldaten den großen Mann markiert. Wer weiß, was in der vergangenen Nacht alles mit den Bikes passiert ist, denken sich nun auch Stephan und Brian. Wir wechseln lächelnd ein paar Worte und bedanken uns für die nächtliche Gastfreundschaft. Beim Starten der Maschinen geht ob des Sounds ein Raunen durch die raue Männerwelt. Wir werden aufgefordert einmal kräftig Gas zu geben, was daraufhin für noch größeren Jubel unter den fleckgetarnten Männern sorgt.

Nach freundlicher Verabschiedung brechen wir auf und folgen der M8 und M1 weiter in Richtung Tiflis. Wir streifen Süd-Ossentien, das 2008 durch den blutigen Krieg zwischen Georgien und Russland in die Schlagzeilen geraten ist. Bei Gori überqueren wir auf einer provisorischen Stahlbrücke einen Fluss, in dessen Bett die Trümmer der im Krieg zerstörten einstigen Brücke liegen. Ein mulmiges Gefühl überkommt uns dabei. Wir passieren die georgische Hauptstadt, in der es, wie wir erfahren, am Tag zuvor erneut zu heftigen Auseinandersetzungen zwischen der Opposition und der Polizei gekommen ist. Bei unseren Stopps an diesem Tag treffen wir aber auch immer wieder auf Georgier, die uns zuwinken oder uns auf unsere Motorräder ansprechen. Einer davon tritt uns an einem kleinen Minimarkt mit zwei Bierflaschen in der Hand entgegen, lächelt uns zu und grüßt mit einer gewaltigen Alkoholfahne, steigt in seinen Lada Nova und rauscht davon. Es ist zwei Uhr mittags und die Szene, die wir gerade erlebt haben, gibt uns auf den folgenden Kilometern noch zu denken. Der Verkehr ist manchmal so katastrophal, dass wir nur hoffen können, dass der angedudelte Georgier der einzige im hiesigen Straßenverkehr ist. Zum Sonnenuntergang erreichen wir schließlich das hübsche Dörfchen Sighnaghi, das uns mit einem überwältigenden Blick auf die weite, grüne Ebene vor den schneebedeckten Gipfeln des Großen Kaukasus verwöhnt.

In Aserbaidschan präsentiert sich Sheki, das schmucke Städtchen am Hang des Großen Kaukasus, am folgenden Tag in ländlicher Idylle. Wir quartieren uns in einem Homestay ein und schlendern später durch die Stadt, besuchen die altehrwürdige Karawanserei und den strahlenden Khan-Palast. Abends lassen wir uns im Restaurant auf dem zentralen Platz der Stadt das regional typische Piti servieren, das nach Hammel schmeckende, fettige Ende des Fettschwanzschafes. Darauf nehmen wir doch lieber noch einen Wodka… Bevor es tags darauf gen Baku geht vollzieht die Natur innerhalb weniger Stunden einen kompletten Wandel: Fuhren wir eben noch durch grüne Wälder und vorbei an saftigen Wiesen, werden bei Ismaylli die Bäume immer weniger und die Gräser immer kürzer. Hinter Schamachi schwindet auch dies allmählich und wir fahren durch eine Landschaft, die sich so karg zeigt, dass es schon wieder interessant ist. Bar jeder erkennbaren Vegetation zieht sich grau und hügelig die Landschaft dahin und trumpft nur hier und da mit eine paar Hochspannungsmasten auf. Auf dem Weg in die Stadt machen wir einen Umweg über Gobustan, wo es zahlreiche Schlammvulkane gibt, die Gas aus tieferen Erdschichten nach oben drücken und stets recht aktiv sein sollen. Über eine Piste steuern wir das ausgewiesene Gebiet an und finden uns alsbald inmitten kleiner grauer Schlammkegel. Es zischt und blubbert aus den Löchern, in manchen platzen große Blasen im dickflüssigen Schlamm, aus anderen wiederum werden grobe feuchte Klumpen geschleudert, die graue Masse fließt in sabbernden Strömen die Kegel in die dürre Erde herab.

Die Erdöl-Metropole Baku liegt inmitten dieser Wüste auf einer Halbinsel im Kaspischen Meer und ist nun nicht mehr weit. Bei der Einfahrt in die Stadt kommen wir durch Vororte, in denen hässliche Plattenbauten gedeihen. Links und rechts der Straße wird das schwarze Gold Aserbaidschans aus dem Boden gefördert. So weit das Auge reicht erstrecken sich Pumpen und Rohre, Gestänge und Leitungen. An jeder einzelnen Ölpumpe quillt die schwarze Flüssigkeit aus dem Boden und verdreckt die Umgebung. Seen aus Öl und Teer bedecken die Landschaft. Was für ein Umgang mit der Natur, unfassbar! Was für einen hohen Preis zahlen die Aserbaidschaner für ihr Exportgut, zahlen letztendlich wir für den Treibstoff, der durch Pipelines zu uns in den Westen gepumpt wird! Der Verkehr in der 2-Millionen-Stadt ist gigantisch und ungeheuerlich. Straßenschilder existieren nicht, dreispurige Straßen werden auf fünf Spuren befahren. Alte Schigulis und nagelneue BMW X6 überholen uns mal rechts mal links gleichermaßen und unsere Hupen bekommen endlich richtig etwas zu tun. Über der Stadt liegt bleischwer eine dicke gelbe Smogschicht, es riecht stark nach Öl und den Dämpfen der brennenden Müllkippe vor den Toren Bakus. Wir schlängeln uns durch Häuserschluchten, an der schmucken Altstadt vorbei, folgen der Uferpromenade und erreichen schließlich das Zentrum der aserbaidschanischen Hauptstadt. Auf dem Wasser in der Bucht von Baku schwimmen bunt schillernde Ölflecken. Ob wir zum Ausklang der Reise ein Bad im Kaspischen Meer nehmen wollen? Lieber nicht…

Erschöpft aber auch erleichtert fallen wir unseren Freunden, die uns hierher eingeladen haben, in die Arme. Fast 6.000 Kilometer und neun Länder haben wir in den vergangenen Tagen bereist. Das Vibrieren unserer BMW auf den schlechten Straßen aber auch die Gastfreundschaft, die wir auf unserer Tour erlebt haben, die vielen Begegnungen und die Begeisterung der Leute uns gegenüber wird uns in den kommenden Tagen noch fehlen und uns auf eine gigantische Reise zurückblicken lassen.

Text und Fotos © Christoph Papsch