USA: Am Fuß der blauen Berge

Der Blue Ridge Parkway im Westen North Carolinas ist ein Kurvenparadies mit alpiner Aussicht. Das Highlight ist der Tanz auf dem Drachenschwanz.

Es ist schwül. Der Himmel bedeckt, in der Luft 30 Grad. Endlich wieder Amerika, North Carolina. Unser Ziel ist der Blue Ridge Parkway, der durch die gleichnamigen Mountains führt, die wiederum ein Teil der Appalachen sind. Ich sitze auf einer Suzuki V-Strom, habe die Millionenstadt Charlotte hinter mir gelassen und rausche mit Fotograf Christoph hinaus in den Westen des Staates. Rasch wandelte sich die Architektur. Statt blau-grauer Bürohochhaus-Glasfassaden-Tristesse säumen immer mehr weißgetünchte Holzhäuser die immer schmaler werdenden Straßen. Hohe alte Eichen und Magnolien spenden Schatten, auf jeder typischen Veranda steht auch ein Schaukelstuhl. Wir befinden uns hier in der Peripherie der Südstaaten, man kennt diese Kulisse aus großen Filmen. Nur, dass sich Rhet Butler vor 150 Jahren sicher nicht auf einen fahrbaren Rasenmäher gesetzt hätte, niemals. Scarletts Kommentare – nicht auszumalen! Den Amerikanern heutzutage scheint dies Schnuppe zu sein. Statt ungestüme Araberhengste zu bändigen reiten sie auf einer halben PS über ihre kleine Prärie und mähen Gras.

Unser erstes Etappenziel ist Asheville. Eine kleine Stadt, die sich nach Ankunft der Eisenbahn im Jahre 1880 zu einem gefragten Erholungsziel entwickelte. Wohlstand und Reichtum sieht man der Stadt an. Alte, palastähnliche Bauten aus Sandstein säumen die Straßen, allen voran das gut Hundert Jahre alte Biltmore Estate, seines Zeichens Amerikas größtes Wohnhaus. Gebaut von George Washington Vanderbilt, Nachfahre des berühmten Unternehmers Cornelius Vanderbilt. Das Biltmore steht einem Schloss an der Loire in nichts nach, die Besucherzahlen ebenso wenig. Im Schritttempo schleichen wir mit unseren Motorrädern durch den großen Park und die alten, sorgsam gepflegten Gärten. Ein Blick in die ehrwürdige Bibliothek offenbart: Hier wohnen fleißige Leseratten.

Die Stadt im Rücken gleiten wir stetig zum Fuß der blauen Berge. Über uns die Sonne, ringsherum dichter Wald, Kurven satt. Ich bin überrascht. Statt endloser Weite und flachem Nichts tauchen in den Löchern zwischen alten Eichen, Kiefern und Magnolien wunderschöne Hügellandschaften in sattem bis mildem Grün auf. Ja, man könnte fast meinen, durch die Toskana zu fahren. Die vielen engen Kurven erinnern wiederum an die grüne Hölle Eifel vor meiner Haustüre. Ein interessanter Mix, der mich lehrt: in Amerika gibt es also doch Kurven.
Unterwegs kommen wir durch Maggie Valley. Ein typisches Ami-Dorf: Große Straße, gesäumt von Tankstellen, Geschäften, Reklametafeln und einer Hand voll Häusern. Nur ein Hinweisschild an einer unscheinbare Einfahrt weist den Weg zu einer Schatzkammer, dem “Wheels through time Museum”. Hier steht Hundert Jahre Motorrad-Geschichte. Was Dale Walksler hier zusammen gestellt hat, das ist schon toll. In 42 Jahren hat er etwa 300 Motorräder gesammelt, das älteste ist hundertsieben Jahre alt. Muss man gesehen haben! Wenn die Nachbarn es aus der Halle bisweilen knattern oder scheppern hören, hat Dale mal wieder eines seiner Schätzchen angeworfen. Denn alle sind Dank Dales Sachverstand fahrbereit. Wer sich auf eine Führung mit Dale einlässt, hört tolle Geschichte und sollte sich sehr viel Zeit nehmen.
Nach diesen Eindrücken kommen uns unsere 2-Zylinder winzig und leicht vor – was seine Vorteile hat. Beschwingt schrauben wir uns weiter in den Cherokee National Forest hinauf und hinunter, Kurven und Ausblicke satt, großer Fahrgenuss. Hin und wieder muss ich mir klarmachen, dass dies die Appalachen sind – und nicht die Alpen. Kurz vor Robbinsville biegen wir links ab, um im “Ironhorse” eine Pause zu machen. Der Biker-Treff, Gaststätte, Hotel und Campingplatz in einem gleicht einem Saloon, doch statt müder Gäuler stehen fesche Maschinen vor der Schwingtür. Ziemlich coole, nette Leute hier, die dir mit einem gepflegten Long Island Ice Tea in der Hand ihre Hausstrecken verraten. Vor dem ersten Schluck sollte das Zelt aber schon stehen…, denn das Mischungsverhältnis Wodka – Eistee ist beileibe nicht ausgewogen.
Für uns fällt die Tea-Time heute aus, wir wollen noch Strecke machen. Ein paar Meilen weiter steht die Snowbird-Lodge, der Weg dorthin mit Kurven übersät. Nach einem langen Fahrtag lässt die Konzentration immer mehr nach und ich bin froh, als wir endlich in der Dämmerung am Ziel sind. Die Belohnung oben auf dem Berg ist angemessen. Einsam steht das alte Holzhaus erhaben mitten im Wald. In der Nacht ist es gespenstisch still, während der Mond seine altbekannte Runde zieht. Ein Traum.

Ich wache früh auf, bin wohl ein bisschen nervös. Auf dem heutigen Plan steht Tail of the Dragon, dem Ritt auf dem Drachenschwanz. Was so viel bedeutet wie: Eine Strecke mit 318 Kurven auf elf Meilen (etwa 18 Kilometern). Die US 129 führt ab Deals Gap nur noch ein kurzes Stück durch North Carolina. Das Hauptstück der Strecke schlängelt sich durchs angrenzende Tennessee, so dass beide Staaten von der Anziehungskraft des Drachenschwanzes profitieren. Nicht zuletzt durch rigorose Verkehrskontrollen. Eine Tempoüberschreitung ist nicht billig und muss sofort bei Sheriff “Gnadenlos” bezahlt werden.
Für europäische eifel- und alpenerprobte Motorradfahrer ist dieser Kurvenmarathon ja eigentlich nicht der Rede w ert. Für die Amis aber, mit ihren großen, aufgepimpten Harleys eine Herausforderung. In Deals Gap, dem Ort wo es losgeht, dreht sich alles nur um diesen Drachenschwanz. Selbst an der Tankstelle: Echte Männer tanken Dragon Fuel mit 110 Oktan! Mir schwant übles, denn morgens um 10 Uhr ist diese Zapfsäule bereits leer… Schon John, der Inhaber des Ironhorse hatte uns gewarnt: „Don’t go there on the weekend, it’ll be too crowded“ – Niemals am Wochenende, könnte eng werden. Recht scheint er zu haben, auf dem Parkplatz vor der Strecke stehen mindestens 200 Motorräder mit meist doppelter Besatzung, warten auf ihren großen Auftritt. Im Andenkenladen, wo ich mir selbstverständlich wie all die anderen Helden auch ein „I did it – T-Shirt“ kaufe, muss ich Schlange stehen. Und inmitten der röhrenden Maschinen steht der Tree of shame, ein Baum, dessen Früchte Unfall-Utensilien sind. Spiegel, Verkleidungsteile, Reifen. Lauter Dinge, die bei übertriebener Schräglage auf der Strecke bleiben. Bis zu 20 Motorradfahrer sterben jährlich auf dieser Strecke.

Eine Umfrage im Fahrerlager ergibt, dass die meisten deshalb auch ganz langsam fahren wollen, da fast jeder großen Respekt vor der Strecke und ein teures Motorrad hat. Die meisten sind von weither aus anderen Bundesstaaten angereist, um es sich mal richtig zu geben. Allenthalben heißt es, der Streckenrekord liege bei elf Minuten.
Erwartungsvoll reibe ich die Handschuhe aneinander: Dann mal ran an den Drachenspeck. Nicht alle Warnungen ängstlich dreinblickender Biker-Gurus schlage ich in den Wind: Ich werde ausnahmsweise Burnouts, Stoppies als auch Wheelies unterlassen. Ein gelbes Verbotsschild untersagt alle drei Übungen.

Der naive Versuch, die Kurven zu zählen, scheitert bereits bei Nummer 5. Denn spätestens jetzt fange ich an, zu genießen. Es ist ein einziges Hinundhergleiten, die Maschine schaukelt wunderbar, im Takt folgt Kehre auf Kehre. Manche Kurve ist leicht angeschrägt, was das Vergnügen noch verdoppelt. Ein großer Spaß, zumal ich fast allein auf weiter Flur bin. Wo bleiben all die anderen 199 Motorräder, die auf dem Parkplatz mit den Reifen gescharrt haben? Nur einzelne Versprengte sausen am Ende an mir vorbei, um in Tennessee ihr Glück zu suchen, während ich nach zwanzig Minuten und sagenhaften 318 Kurven wende, um mir diesen wunderbaren Fahrspaß zum zweiten Mal in Gegenrichtung gönnen.
Zurück in Deals Gap, nach 636 Kurven und in Erwartung einer Ehrenurkunde empfängt mich stattdessen eine riesige Regenwolke. Es prasselt ohne Unterlass, nur weg hier. Wir ziehen gen Osten, werden nass und nässer. Hätte eigentlich ein famoser Tag werden können, denn der Blue Ridge Parkway ist kurvenreich und dadurch elegant zu fahren. Durch die Höhenunterschiede kommt es immer wieder zu atemberaubenden Aussichten, die spektakulärsten haben natürlich einen Parkplatz. Ob des Dauerregens ist die Sicht heute nicht optimal. Die Hügelketten sind eher in grau gehalten, aus den Tälern steigt dichter Nebel zu uns herauf. Daher haben die Smoky Mountains, wie hier die Blue Ridge Mountains heißen, ihren Namen.
Allem Regen zum trotz genießen wir die Kurverei, denn wenigstens ist es nicht kalt hier oben. Wir haben Juni, die Temperaturen liegen bei 20 bis 25 Graden, so dass die Klamotten im Nu wieder trocken sind, wenn es zwischendurch einmal nicht regnet.
Wo könnte ein solch alpiner Tag abends enden? Konsequenterweise natürlich in Little Switzerland. Das kleine Dörflein liegt ganz idyllisch inmitten saftiger Almwiesen. Es besteht im Prinzip aus einem Hotel und zwei, drei kleinen Ladenlokalen. Auch hier besticht die unglaubliche Aussicht wie am Abend zuvor. Zufrieden sitze ich mit Bier und Zigarette vor meiner „Heidi Suite“, schau hinab ins Tal. Einer der seltenen glücklichen Moment im Leben.

Tagsdrauf verlassen wir die Berge. North Carolina ist groß, es hat sogar eine lange, wunderschöne Küste im Programm. Bis dorthin schaffen wir es nicht, denn auch in den Blue Ridge Mountains kann man sich einen Platten fahren. Das hält auf. Und bis Tripple A, das amerikanische Pendant zum ADAC, den Reifen geflickt hat, sind zu viele Stunden ins Land gegangen. Deshalb kein Meer mehr, sondern nur ein bisschen Inland.
Der Unterschied zwischen Bergen und Ebene ist enorm. Innerhalb einer halben Stunde steigt das Thermometer um satte zehn Grad. Es wird heißer und wieder typisch amerikanisch. Breite Highways, Reklame, Großstadt. Wir fahren nach Greensboro, von dort am nächsten Tag in die Hauptstadt Raleigh – übrigens seit 2001 die Partnerstadt Rostocks.

Von dort kehren wir hübsche sogenannte „scenic byways“ zurück nach Charlotte. Die größten Attraktionen der Stadt schauen wir uns noch an: den Motor Speedway, auf dem regelmäßig NASCAR-Rennen ausgetragen werden. Danach noch einmal Museum: die NASCAR Hall of Fame. Auch hier stehen echte Rennwagen und sonstige Renn-Utensilien. Wer möchte, kann im Boxenstopp einen Reifen wechseln. Und das geht schneller als gestern bei uns. Ich staune, bring die Suzuki zurück, rufe ein Taxi und fliege langsam heim.

Text © Susi Boxberg
Fotos © Christoph Papsch