Niederlande-Belgien: Kleine Hafenrundfahrt

In Europa ist er der größte, weltweit auf Platz 4: der Hafen von Rotterdam. Container, Massengut, Chemikalien und Öl werden hier umgeschlagen. Volumenmäßig dicht darauf folgt sein Kollege in Antwerpen. Das verspricht schwere Industriekulisse. Doch in dem Land zwischen den beiden Städten erwarten uns schöne Natur, leckeres Essen und strandige Küsten.

Wir sitzen an der Bar im Internationalen Seemannshaus von Antwerpen zusammen mit Menandro und lassen uns seine Geschichte erzählen. Als Seemann habe er bereits viel gesehen von unserer Welt, berichtet der junge Philippiner und nippt lässig an seinem Bier: China, Singapur und Arabien, das Mittelmeer und die Küsten Europas kenne er, erzählt Menandro, den alle nur Johnny nennen und der als „Able bodied“, also als Matrose, auf einem der größten Containerschiffe arbeitet. Gestern sei er dann nach sechs Monaten Arbeit von Bord gegangen und warte nun auf den Rückflug nach Hause und das lang ersehnte Wiedersehen mit Frau und Kindern. Johnny erzählt von Stürmen und Unwettern, der harten Arbeit auf dem Schiff, von Piraten-Begegnungen im Golf von Aden aber auch von geselligen Abenden an Bord, wenn er mit den philippinischen Kollegen in das Mikrofon der Karaokeanlage singt. So sitzen wir bis spät am Abend im Seemannshaus und hören Johnny interessiert zu. Gleich am nächsten Morgen, so beschließen Jan und ich, wollen wir uns in Richtung Hafen aufmachen und ein bisschen von dem erleben, was Menandro seinen Alltag nennt.

Antwerpen, die Stadt an der Schelde hat ihren Namen der Legende nach von „Hand werfen“. Der Brabo-Brunnen auf dem „Grote Markt“ zeigt den jungen Helden Silvius Brabo, wie er die abgehackte Hand des Riesen Druon Antigon, den er zuvor im Kampf besiegt hatte, in die Schelde wirft. Überall in Antwerpen finden sich deshalb Hand-Symbole: an der Fassade des MAS (Museum aan de Strom), auf kleinen Schokolade-Täfelchen, die als „Antwerpse Handjes“ verkauft werden, auf Wegweisern oder städtischen Gullydeckeln. Wir schlendern durch die historische Innenstadt und besichtigen das alte Rathaus und die imposanten Handelshäuser aus dem 17. Jahrhundert und lassen uns durch schnuckelige Gässchen treiben. Weiter im Norden beginnen die ehemaligen Hafen-Docks, die sich seit einigen Jahren in ein Szene-Viertel verwandeln, mit bunter Beleuchtung, coolen Bars und trendigen Läden erobern die Antwerpener das ehemalige Malocher-Viertel. Die Stadt bietet noch vieles mehr – wenn wir nur Zeit hätten… Flämische Malerei, das bekannte Diamanten-Viertel und unzählige Mode- und Design-Läden stehen auf der Liste für unseren nächsten Besuch.

Genug davon, wir wollen Motorrad fahren und raus aus der Stadt. Auf der Scheldelaan, die Straße, die mitten durch das neue Hafengebiet führt, donnern schwere, mit Container beladenen LKW an uns vorbei. Mit ihrer rumpelnden Ladung geben sie uns zu verstehen: Das hier ist unser Revier, seht euch vor und richtet euch gefälligst nach uns! Etwas eingeschüchtert fahren wir vorsichtig weiter, über Kopfsteinpflaster, Brücken und Schleusen, vorbei an Lagerhallen und Fabrikgebäuden. Bis uns schließlich ein imposanter Anblick anhalten lässt: Vor uns bäumt sich die unglaublich schwarze, mit weißen Streifen dekorierte Straße gut 30 Meter gen Himmel. Davor ein Schlagbaum und rot blinkende Ampeln. Wir haben die Berendrecht-Schleuse erreicht – Schiffsverkehr hat hier Vorrang. Diese Schleuse ist die weltgrößte und verbindet den Hafen mit der Schelde und der Nordsee. Sogleich schiebt sich ein riesiges Schiff nur wenige Meter an uns vorbei. Die „Norderoog“, das mit 162 Metern Länge nicht halb so groß ist wie Johnnys Riesenschiff, hinterlässt einen gewaltigen Eindruck: Container stapeln sich mehrfach übereinander, nebeneinander und hintereinander, kaum vorstellbar, dass es im Schiffsinneren noch mehr Platz für weitere Metallkisten gibt.

Die kleine Rast an der Schleuse war interessant, doch in unseren Mägen macht sich trotz eines üppigen Frühstücks bald ein zarter Hunger breit. Unser nächstes Ziel heißt deshalb Yerseke: Wenige Kilometer weiter in nördliche Richtung liegt an der Oosterschelde das kleine Fischerdorf, das vor allem für seine exquisiten Miesmuscheln und Austern bekannt ist. In der Oesterij, einem kleinen Fischer-Lokal werden wir fündig und stärken uns mit einer Portion der ungewöhnlichen, kleinen Tierchen. Wer in Zeeland zu Gast ist, sollte sich zu so einer Meeresplatte auch Gemüse aus dem Meer bestellen, heißt es. Seetang oder Seegras sehen zwar auf dem Teller zunächst etwas gewöhnungsbedürftig aus, schmecken aber erstaunlich lecker und sollen dank der hohen Anteile an Eisen, Vitaminen und Magnesium auch sehr gesund sein. Wer mehr über Produktion und Anbau von Muscheln wissen möchte kann in der Oesterij auch an einer Führung teilnehmen und erhält Infos über die verschiedenen Lagerhallen und die großen Zucht- und Wasserbecken.

Wir fahren weiter gen Norden, über den Oesterdam geht es nach Tholen und durch Schowen-Duiveland. Hier erleben wir atemberaubend schöne Natur: Auf den Äckern wächst, was zuhause im Kühlschrank liegt: Möhren und Kartoffeln, es riecht nach frisch geernteten Zwiebeln, die noch auf den Feldern liegen. Über glatte Straßen gleiten wir dahin, die linke Hand hat jetzt Pause, geschaltet wird hier nicht. Im fünften Gang cruisen wir auf Deichen über’s Land, leicht erhöht, und blicken über grüne Wiesen, auf denen Schafe und Kühe weiden, auf Seen, Meer und Binnengewässer, in denen sich die Sonne in kleinen, glitzernden Sternchen spiegelt. Urlauber bevölkern an diesem Wochenende allerorten die kleinen Strände und Buchten: Mit dem Wohnmobil sind sie angereist und sitzen nun unter Sonnenschirmen den Blick auf das Wasser und die erholsame Natur gerichtet. Man könnte meinen, das flache, kurvenarme, niederländische Land geizt mit Fahrspaß. Doch die Aussicht auf so herrliche Natur und das weite Land belohnt uns umso mehr.

Vorbei am kleinen Hafen von Vlissingen geht es an den westlichsten Punkt der Reise: Ein kleiner Leuchtturm markiert in Westkapelle die Spitze von Zeeland. Hier verläuft die Straße direkt auf dem Deich an der Küste. Wir knattern etwas erhöht über’m Land, immer ein Auge auf den Horizont gerichtet, der zu unserer Linken Himmel und Wasser zerschneidet. Zeeland hat etliche schöne Strände zu bieten, immerhin gibt es hier 450 Kilometer Küste. Die Strände hier sind die saubersten in Holland und sollen angeblich die meisten Sonnenstunden aufweisen. So ist es heute tatsächlich, weshalb wir für ein Stündchen verschnaufen, unsere dicken Motorrad-Klamotten gegen Badehosen eintauschen und uns in der 19 Grad frischen Nordsee abkühlen.

Von der südlichsten Insel Walcheren schlagen wir nun wieder die nördliche Richtung ein und knattern weiter, von Insel zu Insel. Der Oosterschelde-Damm, über den wir wenig später fahren, ist ein besonderes Ingenieurswerk: Die Deltawerke sind die größten Sturmbarrieren der Welt. Sie wurden nach der Flutkatastrophe von 1953 entworfen, um das Land rund um das Rhein-Maas-Schelde-Delta zu schützen. Ein 20 Stunden andauernder Nordwest-Sturm peitschte damals das Wasser der Nordsee auf das Land zu. Das war zu viel für die Deiche von Zeeland. Fast zweitausend Menschen starben und über 150.000 Hektar Land wurden überflutet. Dank der Deltawerke haben die Niederländer die Wahrscheinlichkeit einer weiteren Flut reduziert – auf eine in 4.000 Jahren.

Die Schatten unserer Motorräder werden bald lang, sodass wir beschließen, in Rockanje für die Nacht zu bleiben. An der lässigen Bar direkt am Strand lassen wir die Füße im Sand baumeln und genehmigen uns zwei ordentliche Portionen Patat, dazu einige coole Biertjes. Auch heute versinkt die Sonne wieder unglaublich kitschig im Meer. Eine Orgie aus Orange- und Rottönen am Himmel begleitet uns in die wohlverdiente Nachtruhe.

Am nächsten Tag lockt uns die Silhouette von Kränen, Schornsteinen und Schloten im Dunst der morgendlichen Sonne; wir wollen uns den neuesten Hafen Rotterdams anschauen. Weil der Welthandel immer mehr wird, die Schiffe deshalb immer größer werden mit immer mehr Tiefgang, müssen die Häfen ausgebaut und vergrößert werden. Die Rotterdamer verlagern deshalb die Terminals nach und nach immer weiter ins Meer hinaus und schütten gewaltige Flächen Land auf. „Maasvlakte 2“ nennt sich das aktuelle Projekt. Noch herrschen hier teils sandige Ödnis, teils ein Gewirr aus neu angelegten Straßen und Schienenverbindungen. Doch in wenigen Monaten wird hier Europas modernster Tiefwasserhafen entstanden sein, der dann gut 40 Kilometer vor den Toren der Stadt Rotterdam liegt. Ein Besuch im Informationszentrum lohnt: Hier wird anschaulich der Bau und die Entwicklung der Hafenanlage erklärt.
Staunend passieren wir die gigantische „Cosco Oceania“, wenig weiter das Contaierschiff „MSC Capella“, das mit über 360 Metern Länge und 56 Meter Breite zur „Dicken Berta“-Klasse gehört. Es ist eines von der Sorte, auf dem auch Johnny seine Arbeit verrichtet hat. Über das Schiff beugen sich gewaltige Containerbrücken und löschen und laden im Minutentakt die bunten Metallkisten. Daneben fiepen und piepen Kräne, brummen Maschinen, es rumpelt und hupt. Ein spektakulärer Anblick. Auf dem „Europaweg“ machen wir uns wenig später auf in Richtung Rotterdam-City. Rechts und links des Schnellwegs N15 stehen kilometerweit riesige Tanklager und futuristisches Raffinerie-Geröhr. Aus Schornsteinen sprudelt Rauch und Dampf, chemische Gerüche steigen uns in die Nase. Uns schwant: Das hier sind keine Raffinerien und Fabriken, in Wahrheit handelt es sich um Raumschiffe, bereit für die Flucht von diesem unwirklichen, dreckigen Hafen-Planeten…

Mit der Fähre geht es bei Rozenburg über die Maas und rein in die Stadt. Rotterdam wird aufgrund seiner beeindruckenden Skyline direkt am Wasser auch als „Manhattan an der Maas“ bezeichnet. Direkt neben der Erasmusbrücke, einem der Wahrzeichen der Stadt,  befindet sich der Maastoren, der Maas-Turm, der mit 162 Metern als das höchste Gebäude der Stadt, der Niederlande sowie der Benelux-Länder gilt. Wir lassen die Motorräder stehen und schlendern entlang der Wilhelminakade. Sie ist die bekannteste Pier von Rotterdam, von der aus Anfang des 20. Jahrhunderts viele Schiffe nach New York aufbrachen. Insbesondere während des Ersten Weltkriegs war die Strecke Niederlande-Amerika für viele Europäer das Tor nach Amerika. Von hier aus genießen wir bei „Koffie Vekeerd“ und „Zeeuwse Bolusse“ den schönen Blick auf Stadt, Land und Fluss und schauen den vorbeifahrenden Schiffen nach. Wo Johnny jetzt wohl steckt?

Text & Fotos © Christoph Papsch