Lüneburger Heide: Heide-Witzka

Friedlich liegt sie da die Heide. Sanfte Hügel, schnurgerade Birken-Alleen, unübersehbar das Heidekraut und grüne, üppige Wiesen. Es riecht nach Land, nach frisch gemähtem Gras und nach Vieh. Prächtige Höfe stehen dickmöpsig in kleinen, hutzeligen Dörfern. Häuser aus norddeutschem roten Klinker stehen Spalier am Straßenrand. Löwenzahn und Rapsfelder strahlen gelb um die Wette.

Früh am Morgen satteln Rudi und ich unsere Harleys für den Tag. Noch hängt trüber Nebel zwischen den Bäumen, außerdem könnte es für die Jahreszeit deutlich wärmer sein. Das Land zwischen Lüneburg und Celle ist der Inbegriff für Ruhe und Erholung, Hektik kommt hier keine auf. Doch die Fat Boy Special und die schwarz glänzende Street Glide wollen raus und über norddeutsche Straßen knattern. Gleich nördlich der Stadt Celle erstreckt sich der Naturpark Südheide voll üppiger Kiefern- und Fichtenwälder. Auf kleinen Sträßchen huschen wir unter gekrümmten Bäumen durch tunnelartige Alleen. In Wienhausen passieren wir das bedeutende Kloster, das Zisterziensernonnen schon 1221 gründeten, und folgen im Zickzack der Route nach Eschede. Immer wieder wechseln sich frühlingsfrischer Wald und farblose Heidelandschaft ab. Die Heide hier wie auch weiter nördlich ist bereits vor einigen tausend Jahren durch Überweidung entstanden. Wälder wichen damals zurück, das berühmte Kraut und andere robuste Pflanze setzten sich durch. Der Fachmann spricht deshalb von einer historischen Kulturlandschaft, die nicht ursprünglich ist sondern durch Menschenhand geschaffen wurde. Die hier heimischen Heidschnucken knabbern eifrig zwischen Wacholderbüschen am Gestrüpp und sorgen so dafür, dass die vorhandenen Heideflächen geschützt werden.

Die Bundesstraße 3 führt uns hinter Bergen weiter gen Norden, links an einem britischen Militärfriedhof vorbei, der den Gefallenen der beiden Weltkriege gedenkt, und später rechts ab geht es nach Klein Amerika. Der Ort ist natürlich der Anlaufpunkt. Nicht größer als ein Fußballfeld strahlt er gelassene Ruhe aus. Straßennamen sucht man hier vergebens, die wenigen Häuser sind schlichtweg durchnummeriert. Der alte Mann, der vor einem der Häuser sitzt, schaut amüsiert zu uns rüber – zu uns, den albernen Touristen, die sich wieder einmal vor dem verheißungsvollen Ortsschild tummeln und Fotos schießen.
Mittlerweile lacht auch die Sonne vom blauen Himmel. Kleine weiße Wölkchen ziehen über uns hinweg als wir hinter Wietzendorf dem kleinen und schönsten Heideflüsschen Örtze folgen und alsbald in Müden einfahren. Unter urwüchsigen Eichen im Ortskern stehen Jahrhunderte alte, riesige Bauerngehöfte. Auch heute noch vermitteln sie eine märchenhafte Atmosphäre: sie stammen noch aus Zeiten als Mensch und Vieh friedvoll unter einem Dach zusammen lebten. Der Heideort Müden gilt zu Recht als das schönste Dorf der Südheide, das seinen Charme als echtes Heidedorf erhalten hat. Grund genug hier einen ausgedehnten Stopp einzulegen.

Bei so viel Landwirtschaft um uns herum darf natürlich eines nicht unerwähnt bleiben: die Heide-Kartoffel. Jeder kennt sie, überall ist sie zu haben und viele nehmen sie als kulinarisches Souvenir mit nach Hause. Schließlich hat der Kartoffelanbau in der Lüneburger Heide eine lange Tradition. Die Region ist seit Mitte des 19. Jahrhunderts das bekannteste und größte Kartoffelanbaugebiet Deutschlands. Besonders schmackhaft sollen die Knollen hier sein und obendrein eine regionale Spezialität. Deshalb gibt es neben zahlreichen Kartoffel-Festen eben auch ein Kartoffel-Hotel und sogar einen Heidekartoffel-Onlineshop.

Entlang der Deutschen Ferienroute Alpen-Ostsee, die eigentlich beide weit weg sind, geht es nun auf Lüneburg zu. Die Hansestadt, die der Heide ihren Namen gibt, blickt auf eine über 1.000-jährige Vergangenheit zurück und verdankt vor allem dem Salz, dessen Gewinnung und Handel ihren Wohlstand. Heute speist die Sole das Bad der Salztherme SaLü im Kurzentrum der Stadt. Zur Mittagszeit schlendern wir durch die schöne Altstadt, in deren Gassen sich viele Cafés, Kneipen und kleine Geschäfte angesiedelt haben, Fachwerk schmückt die Häuer ringsum. Am alten Hafen genehmigen wir uns Kaffee-Kuchen, beobachten das bunte Treiben rund um das Gewässer, besuchen anschließend das Alte Rathaus und selbstverständlich auch das hiesige Brauereimuseum.

Zurück auf unseren Harleys kreuzen wir wenig später die Autobahn 7 und sind plötzlich wieder mitten in stiller Natur. Die Nordheide erstreckt sich rund um den Wilseder Berg. Hier entspricht die Landschaft exakt unserer Vorstellung: Heidekraut, Sandböden, Wacholder, Heidschnucken… Wir passieren die mit 169 Metern mächtigste Erhebung der Heide, können mit unseren Motorrädern aber leider nicht hinein in die Tundra-ähnliche Landschaft – hier bekommen lediglich unmotorisierte Reiter Einlass. Wer weiter will fährt deshalb mit der Kutsche in das Naturschutzgebiet. Im schnuckeligen Dörfchen Undeloh, in dessen Zentrum ein schöner Markt Besucher anzieht, warten diese 2- und 4-PS-Gefährte an jeder Straßenecke auf Wanderer und Kaffeefahrer. Durch Egestorf und Bispingen geht es weiter. Auf unseren Harleys cruisen wir genüsslich über kurvige Sträßchen, vorbei an unzähligen Heidschnucken und durch wechselnde Landschaft: Grüne Wälder, braune Heide, weiße Birken, gelber Raps. Wunderbar! Wem das zu ruhig ist und lieber ordentlich Radau will, besucht in Soltau den Heidepark, den immerhin größten Erlebnispark in Norddeutschland. Dieser lockt mit Schwindel erregenden Fahrgeschäften und grellbunten Shows. Nichts für uns – wir genießen die Ruhe hier und folgen der Straße in Richtung Bad Fallingbostel.

Unscheinbar weist ein kleines Schild am Straßenrand auf großes hin. Denn hier liegt Löns in der Luft. Ein gewaltiger Stein mitten in schöner Landschaft erinnert an den berühmten Heidedichter Hermann Löns. “Lass Deine Augen offen sein, geschlossen Deinen Mund und wandle still, so werden Dir geheime Dinge kund.” Diese wohlweisen Worte schrieb der Literat vor über hundert Jahren in einem seiner Gedichte über die Lüneburger Heide. Dessen gewiss starten wir nach kurzer Rast unsere beiden 1.600-Kubik-Maschinen – nicht ohne zuvor auf den großen Dichter eine leckere Bratwurst am “Hermann-Löns-Kiosk” zu verdrücken und knattern weiter gen Walsrode. Denn hier lockt eine der größten Attraktionen der Heide: Im grandiosen und weltweit größten Vogelpark Walsrode leben 4.000 Vögel in über 650 Arten aus aller Herren Länder. In der Parklandschaft finden sich auf 24 Hektar so schräge Vögel wie Seidenkuckucks, Erdracken, Vangas oder Kurole – die ganze bunte Vogelschar. Der stoische Schuhschnabel ist unser heimlicher Star unter den Piepmätzen.

Wir wollen weiter zum nächsten Heide-Highlight und kommen in das kleine Dorf Ostenholz, auf dessen Hauptstraße der örtliche Schützenverein in Uniform und Fahne schwenkend prozessiert. Wieder einmal stehen unsere beiden Maschinen im Mittelpunkt der grünen Männerschar und einer ruft uns fordernd auf plattdeutsch zu: “Lasst man die Pödde rauschen!” Wir drehen auf, doch an der Schranke hinter Ostenholz ist damit erst einmal wieder Schluss. Ein bedrohlich wirkender Wachmann klärt uns auf: Wir würden nun den Truppenübungsplatz betreten. Wenn wir zu den “Sieben Steinhäuser” wollten hätten wir hier die Straße nicht zu verlassen und auch auf dieser dürften wir nicht schneller als 50 und ausschließlich mit Abblendlicht fahren. Um seine Anweisungen zu unterstreichen drückt er uns einen Zettel mit ausführlichen Verhaltensregeln für das Sperrgebiet in die Hand. Sechs Kilometer geht es nun geradeaus, links und rechts der Straße zieren verrostete Panzer den Wegesrand, die hier bei NATO-Übungen einst mit großem Tamtam zerballert wurden. Die “Sieben Steinhäuser”, die eigentlich nur fünf sind und obendrein uralte Großsteingräber, beeindrucken uns dann aber schon. Tonnenschwere Steine, die bereits 2500 Jahre v. Chr. von ansässigen Bauern übereinander gebaut wurden, liegen hier mitten im unberührten Wald. Ein Jeder fragt sich bis heute, wie die das damals eigentlich geschafft haben, diese gewaltigen Brocken aufeinander zu setzen. Einer Sage nach ist der größte Stein vom Riesen von Borg in einer Schleuder von Elferdingen zu den “Sieben Steinhäuser” geschleudert worden. Das wäre doch immerhin eine Erklärung…

Über die Panzerringstraße geht es vorbei an Schützenstellungen und militärischen Schildern mit ungeheuerlichen Armee-Akronymen. Einige davon warnen uns ausdrücklich, die Straße nicht zu verlassen, ob der möglichen Blindgänger im Unterholz. Wir ignorieren die stummen Wachposten und können so an manchen Stellen herrliche Aussichten auf die weite, wunderbare Heidelandschaft genießen. In Winsen biegen wir wenig später rechts ab ins idyllische Allertal. Auf dem gleichnamigen Flüsschen tummeln sich Kanufahrer und Ruderer. Auch die ausgelassene Stimmung auf dem Ausflugdampfer passt zu diesem sonnigen Sonntagnachmittag. Das deutsche  Erdölmuseum in Wietze informiert uns über die hiesige Erdölförderung im 19. und 20. Jahrhundert: Hier liegt immerhin der Grundstein der deutschen Erdölförderung – geht es dabei doch um den Stoff, der auch unsere beiden Harleys antreibt. Das spannende Museum in Wietze ist übrigens nicht das einzige in der Heide. Da wären dann noch: das Norddeutsche Spielzeugmuseum, das Waldarbeitmuseum, das Salzmuseum und das Brauereimuseum, das Federkiel- und Stickmustermuseum, das Internationales Mühlenmuseum sowie unzählige Heimat- und Heidemuseen.

Zum Schluss geht es für uns zurück nach Celle. Auch hier besuchen wir noch einmal die Altstadt. Viele Fachwerkhäuser mit frommen Sprüchen am Gebälk und etliche kleine Plätze schaffen eine gemütliche Atmosphäre: Die gesamte denkmalgeschüzte Altstadt ist eine einzige Sehenswürdigkeit. Vorbei an der Stadtkirche schlendern wir durch die hübschen Gassen geradewegs auf das Celler Schloss zu, in dem die nahezu 1.000-jährige Geschichte der Welfen lebendig wird. Heidewitzka, das ist wirklich die schönste Stadt der Südheide!

Text & Fotos © Christoph Papsch