Spessart-Odenwald: Waldgeschichten

Alles Quatsch, alles nur Geschichten! Im Spessart gibt es gar keine Räuber! Wir waren da und haben keine gesehen. Dafür haben wir aber gefunden wonach jeder Motorradfahrer sucht: Tolle Landschaften, einsame Sträßchen und jede Menge Kurven!

Mitten im Wald stehen wir und lauschen. Der Wind wiegt die Bäume sanft hin und her, Laub raschelt, irgendwo knarzt es im Unterholz. Über den Baumwipfeln zieht ein Bussard lautlos seine Kreise. Einzig seine schrillen Rufe zerschneiden die Stille. Sonst hören wir nichts. – Die Spessarthöhenstraße liegt zwischen Hösbach bei Aschaffenburg und dem schönen Städtchen Steinau und führt fast ausnahmslos durch wunderschöne Waldlandschaft. Wir haben gerade die erste Hälfte dieser so genannten Ferienstraße zurückgelegt und rasten nun am Wegesrand. Ein wohliges Grinsen zeichnet sich in unsere Gesichter: Diese Straße ist vor allem wegen ihrer schönen Kurven durch die höchsten Erhebungen des Spessarts bekannt. Zudem verwöhnt uns glatter Asphalt und ausgesprochen dünner Verkehr. Auf einer Länge von 50 Kilometern bietet die Strecke jedem Motorradfahrer wahre Wonne. Perfekt, um mal richtig die Kurven zu kratzen. Wir vergessen die Geschwindigkeitsbegrenzung, drehen kräftig am Gasgriff. Nach wenigen Biegungen allerdings meldet sich das schlechte Gewissen, wir schalten zurück in den 4. Gang und genießen wieder die schöne Waldlandschaft. Willkommen im Biker’s Paradise!

Wir sind auf dem Weg nach Steinau an der Straße. Den Namenszusatz bekam die Stadt im Mittelalter, da sie an der “Via Regia”, der Königsstraße lag, einer alten Handelsroute zwischen Frankfurt und Leipzig. Die Straße hatte für die Stadt große wirtschaftliche Bedeutung. Wer dereinst überregional Handel und Warentausch treiben wollte befuhr die Route und nutze eben auch Herbergen und Hufschmiede der Stadt. Wiederholt wurde die Straße auch von Armeen benutzt, weshalb es in der Region oft zu großen Schlachten kam. Bekanntheit erlangte die Stadt später noch einmal durch die Brüder Grimm, die hier ihre Jugend verbrachten. Ein kleines Museum im ehemaligen Amtshaus erzählt die Geschichte der beiden berühmten Sprachwissenschaftler und Märchensammler.
Hinter Steinau warnt nach unserem historischen Ausflug ein Straßenschild vor steilem 15-prozentigem Gefälle. In kurviger Abfahrt geht es hinab in den Jossgrund und in die selbst ernannte “Weltschnitzelhauptstadt” Jossa. Vor einigen Jahren wurde hier in einem Landgasthof das bisher größte Schnitzel der Welt gebraten – stolze 96,70 Meter lang und im Guinness-Buch der Rekorde registriert!

Der Spessart umfasst eines der größten zusammenhängenden Waldgebiete Deutschlands und ist durch tiefe Täler und sanfte Hänge geprägt. Am heutigen Tag passieren wir Hügel und Berge mit eindrucksvollen Namen: “Schwarzer Berg” heißt einer, “Großer Goldberg”, “Schnepfenkopf”“ oder “Hoher Knuck” andere. Immer wieder finden wir kleine Sträßchen, die durch herrliche Natur führen. Kilometerlang fahren wir durch bewaldete Gebiete und sehen nichts als Bäume, Farn und grünes Geäst. Deswegen wundert es uns auch nicht sonderlich, dass hinter dem Dörfchen Roßbach plötzlich der Asphalt endet. Zehn Kilometer Piste liegen vor uns, was uns als Abwechslung zu den glatten Straßen gerade recht ist. Mit 40 km/h schlingern wir über den teils tiefen Schotter, weichen Schlaglöchern und Wurzeln aus. Viel Wald ist jetzt um uns herum und kein einziges Auto kommt uns hier in der Einsamkeit entgegen. Dort wo die Piste endet empfangen uns erneut wunderbare kleine, kurvige Straßen. Im Schatten der Berge huschen wir durch grüne saftige Täler, in deren Mitte kleine Bächlein plätschern.
So landen wir wenig später in Bessenbach am Hohe-Warte-Haus. Das urige Wirtshaus bezeichnet sich gerne als das “Wirtshaus im Spessart”. Von dem Haus mit dem berüchtigten Namen gibt es allerdings gleich mehrere und bis heute ist nicht geklärt, welches davon nun das “echte” sein soll. Schön gelegen ist es jedenfalls, mitten im frischen Buchenwald. Touristentauglich serviert man hier neben selbst gebrautem Bier auch rustikale Klassiker wie Räuberschnitzel, Wildschweinbratwurst, Haxe oder Spanferkel. Gestärkt von einigen Gläsern alkoholfreiem „Spessart Specht“ knattern wir durch den Wald zurück gen Mespelbrunn. Das märchenhafte Wasserschloss ist zwar Ziel vieler Reisebusse, doch muss man es einfach einmal selbst gesehen haben. Das Schlösschen aus dem 15. Jahrhundert spiegelt sich hübsch in dem klaren Wasser des Sees, auf dem idyllisch weiße Schwäne gleiten. Bei einer Führung durch die hohen Hallen erfährt man Interessantes über die rauen Zeiten des 30-jährigen Krieges bis zum Leben der heutigen Grafenfamilie.
Beeindruckt von Ritterrüstungen, Hellebarden und mittelalterlichen Grausamkeiten im Schloss schlängeln wir uns durch Wertheim den Main entlang gen Westen. Die Strecke führt uns immer in Sichtweite des Flusses am historischen Städtchen Stadtprozelten vorbei und nach Collenberg. Aus dem Tal kraxeln wir die Spessart-Berge hinauf auf gut 500 Meter. Hier oben weht ein kühles Lüftchen. Dicke dunkle Gewitterwolken türmen sich jetzt über uns auf, die für den Abend nichts Gutes ahnen lassen. Der richtige Zeitpunkt, um uns ein Quartier für die Nacht zu suchen…

Am nächsten Tag hat der Regen der vergangenen Nacht Spuren hinterlassen: Große Pfützen und tief in den Bäumen hängende Wolken geizen mit Gemütlichkeit. Dennoch brechen wir früh auf. Auf dem heutigen Plan steht der Odenwald, das südliche Pendant zum Spessart. Zuvor allerdings wollen wir uns das Weinbaugebiet Franken ansehen. Silvaner, Riesling und Burgunder, die wir am vergangenen Abend in der gemütlichen “Häckerwirtschaft” verkostet haben, machen uns neugierig. In Klingenberg und Großheubach reifen die Reben direkt an der Straße. Der fruchtbare Boden aus Buntsandstein sorgt hier vor allem für exzellente Rotweine wie den Spät- oder Frühburgunder.
Bei der Einfahrt über die alte Mainbrücke in die Stadt Miltenberg löst sich das trübe Wetter auf, die Sonne strahlt endlich vom blauen Himmel. Ein Besuch in der Stadt ist deshalb Pflicht: Die ummauerte Altstadt schmiegt sich an den steilen Hang des Greinbergs, auf dessen Kuppe die Mildenburg thront. Von hier oben genießen wir einen herrlichen Ausblick über die bunten Dächer der Fachwerkhäuser und den Main unten im Tal, bevor wir uns alsbald in den Odenwald aufmachen.
Der Name Odenwald, sagt man, kommt aller Wahrscheinlichkeit vom Wort Ode, was auch soviel wie Sage bedeuten kann. Als Landschaft der Sagen lernen wir diese Region heute kennen. Die Spuren der Nibelungen finden wir allerorten: Drachen hier, Helden dort. In Lindenfels gibt es sogar ein ziemlich einmaliges Drachenmuseum, direkt unterhalb der historischen Festung. Die Aussicht von der Burg Lindenfels ist eine der schönsten im Odenwald. Von hier oben kann man zusehen, wie die Sonne die Landschaft in fast kitschige Farbtöne taucht. Neben der “Siegfriedstraße” schlängelt sich für uns Touristen auch die “Nibelungenstraße” durch den Odenwald, auf der unsere Maschinen nun gen Fischbachtal schnurren.
Ähnlich dem Spessart ist auch der Odenwald sanft hügelig. Allerdings lange nicht so bewaldet wie das nördlichere Mittelgebirge. Die lichten Wälder wechseln sich hier mit weitläufigen Streuobstwiesen ab. Das hat den Vorteil, dass wir teilweise sehr weit schauen und so die Landschaft genießen können, die hier mit ausgezeichneten Erholungszielen und Freizeitmöglichkeiten aufwartet. Nahe dem kleinen Luftkurort Hammelbach ist der Berg Tromm der Grund für unseren Besuch. Wäre jetzt Winter könnten wir die Schlitten und Skier auspacken, da der Tromm bei einer Höhe von 577 Metern über eine immerhin 600 Meter lange Skipiste verfügt. Kein Winter, kein  Schnee, kein Rodeln – wir begnügen uns heute mit dem imposanten Ausblick über die weite sommerliche Landschaft.

Auf einem Flickenteppich der ganz besonderen Art hoppeln wir später durch den Wald nach Brombach. Fast hätten wir die Einmündung übersehen, so klein ist das Sträßchen. Ganz ohne Mittelstreifen und Randmarkierung muss es auskommen. Links und rechts stehen Fichten Spalier, es riecht wunderbar nach frisch geschlagenem Holz. Was für ein Spaß! Auf halsbrecherischen Serpentinen geht es in den Ort, in einer Rechtskurve am Feuerwehrhaus vorbei, und schon sind wir wieder draußen aus dem kleinen schnuckeligen Örtchen. Die nächsten Kilometer rauschen wir ins Neckartal hinab. Dabei warnen uns nun Schilder vor herabfallenden Steinen, vor Kröten und Echsen.
Die Flussfahrt nach Neckargemünd ist nun wieder Pflicht. Schließlich gilt die Stadt mit ihrer über 1.000-jährigen Geschichte als “die schöne Nachbarin Heidelbergs”. Mittelalterliche Gassen und Winkel, die vielen Fachwerkhäuser, sowie Reste der Burg Reichenstein sind stumme Zeugen einer bewegten Vergangenheit. Die Stadt im Rücken gleiten wir auf der gegenüberliegenden Flussseite nach Eberbach, dem Ort mit der Wildsau im Wappen; nach Kaffee-Kuchen geht es hinauf auf den Katzenbuckel, die mit 626 Metern höchste Erhebung im Odenwald, an dessen Auffahrt sich urwüchsige Apfel- und Pflaumenbäume am Straßenrand aufreihen. In wilder Kurverei geht es anschließend hinab zum winzigen Weiler Gaimühle.

Im Dreiländereck zwischen Hessen, Baden-Württemberg und Bayern gibt es eine besondere Attraktion zu entdecken. Waren die bisherigen Sehenswürdigkeiten auf unserer Tour bereits mittelalterlich und hunderte Jahre alt kommt es nun richtig dicke mit wirklich alter Kultur. Die Römer, die vor über 2.000 Jahren durch den Odenwald zogen haben natürlich auch hier ihre Spuren hinterlassen. Der „Limes“ diente den Römern als Grenzwall und ist an manchen Orten noch zu finden. Zwar kann man diesen teilweise nur als Senke oder Steinhaufen im Wald erahnen, manchmal – wie in Hesseneck – ist er aber auch hübsch ordentlich rekonstruiert. An der “Römerstraße”, einem kleinen Wald- und Wiesenweg zwischen Mudau und Michelstadt, befindet sich die repräsentativste Stelle des Odenwald-Limes: Neben einem Stein- und einem Holzturm zeigen Palisaden, wie sich die Römer dereinst vor ungebetenem Besuch schützten. Eindrucksvoll stehen spitze Holzpfähle im vermoosten Unterholz und markieren die Grenze.

Die Stille im Wald unterbrechen nur einige Vögel mit ihrem Gezwitscher. In der Ferne hören wir ein merkwürdiges Geklapper, Metallgerassel und wildes Grölen! Sollten das wirklich die heranrückenden römischen Soldaten sein?

Text & Fotos © Christoph Papsch