Belgien: Die Maas-Mission

Zwischen Dinant und Namur beschreibt die Maas einen ihrer schönsten und legendärsten Flussabschnitte mit bizarr abfallenden Felshängen, malerischen Ortschaften, urwüchsigen Tälern und enormen Ausblicken. Diese anmutige Landschaft ist überraschend vielseitig und geradezu gesegnet mit einem Reichtum an Schlössern, Abteien und hübschen Städtchen.

Dinant, die schönste Tochter der Maas mit dem legendärsten Panorama der Ardennen, wie es heißt, ist unser Ausgangspunkt. Bei einem Bummel überblicken wir vom linken Maas-Ufer die Stadt: 120 Meter hoch über dem Fluss drückt sich die mächtige Zitadelle auf den monumentalen Steinfelsen. Die im gotischen Stil errichtete Stiftskirche Notre-Dame aus dem 12. Jahrhundert unterhalb der Zitadelle schmiegt sich wie ein Denkmal vor die steinerne Steilwand. Schon Victor Hugo schwärmte von dieser Postkarten-Idylle Dinants. Auch uns hat der Ort magisch in den Bann gezogen, in jener malerischen Lage direkt am Fluss – und dabei lernen wir, dass Adolphe Sax, der berühmteste Sohn der Stadt, hier im 19. Jahrhundert das Saxophon erfand. Eigentlich kein Wunder, denn in Dinant wurden Jahrhunderte lang Metallwaren hergestellt, die Dinanderien, wie sie noch heute genannt werden. Bevor es weiter geht gilt unser letzter Besuch in der Stadt den berühmten „Couques de Dinant“. In Bars und Bäckereien werden diese mit Honig verfeinerten und reichhaltig verzierten Lebkuchen angeboten, denen hier sogar ein Volksfest gewidmet ist. Dann geht es rauf auf’s Motorrad, raus aus der Stadt und rein in die Kurven. Wir passieren die bizarre Stele des 32 Meter hohen, mystischen Bayard-Spitzfelsens und folgen für einige Kilometer der Maas, bis es links ab und weiter gen Süden geht.

Die Straße schlängelt sich in feinen Kurven die Hügel empor und so erreichen wir wenig später Celles, eines der schönsten Dörfer in der Region. 1994 wurde der Verein „Le Plus Beaux Villages de Wallonie“ gegründet, der sich zur Aufgabe gemacht hat, die schönsten ländlichen Ort der Wallonie mit einem Gütesiegel auszuzeichnen. Hier in Celles haben die Bewohner alles richtig gemacht: Der ländliche Charme des winzigen Dörfchens mit den urigen wirkenden, steinernen Hausfassaden verzaubert uns auf Anhieb. Nur ein paar Dutzend dieser Hutzelhäuser reihen sich um den Kopfstein gepflasterten Platz. Rinder grasen gemütlich auf den Wiesen und Hängen der Umgebung. Dazu passt auch, dass sich der örtliche Gasthof schmuck mit ländlicher Blümchentapete präsentiert. Berühmt ist das Dorf aber auch wegen seiner Dorfkirche „Saint-Hadelin“, die Celles bei Kunst- und Kulturliebhabern zu einem wahren Leckebissen macht.

Zurück im Maastal erwartet uns mit Schloss Freyr ein weiterer kultureller Schatz. Direkt am Fluss, nur wenige Kilometer von der belgisch-französischen Grenze entfernt und gegenüber von massiven Steilfelsen gelegen, wartet das Renaissance-Schloss mit einem eindrucksvollen Garten und französischem Sonnenkönig-Flair auf. Kein Wunder, denn der Sage nach soll in diesem Schloss die erste Tasse Kaffee in Belgien getrunken worden sein – und das von keinem Geringeren als ebenjenem Ludwig XIV. Beim Besuch der streng symmetrisch angelegten Schlossgärten, deren Vorbild einst die Gärten von Schloss Versailles waren, lassen sich alte Orangenbäume oder ein hübsches Heckenlabyrinth entdecken.

Vorbei an Hastière folgen wir auf unseren Zweizylindern weiter der Maas gen Süden. Die glatte Straße schmiegt sich hier in wenigen Metern Abstand an den sanft dahin fließenden Fluss und wir genießen die Sonnenstrahlen, die durch das Visier in der Nase kitzeln. Auf der gegenüberliegenden Seite sehen wir Kletterer die steilen Felswände empor kraxeln, auf dem Wasser tummeln sich gemütlich Angler in ihren tuckernden Sportbooten. Hinter Heer-Agimont biegen wir rechts ab auf die N977 und schrauben uns erneut auf kurvigen Wegen die Hänge des Maastals empor. Durch Wälder und über kleine Feldwege geht es an frisch gepflügten, wohl duftenden Äckern und an Maisfeldern vorbei; wir passieren kleine Weiler und Bauernhöfe; auf den umliegenden Wiesen grasen Rinder einer besonderen Rasse: Die so genannten „Weißblauen Belgier“ zeichnen sich vor allem durch ihre starke Muskelfülle aus, bei deren Anblick ein Bodybuilder sicherlich vor Neid erblassen würde. Es heißt, das Fleisch dieser Muskelprotze sei besonders fettarm. Etwas verwundert über die ungewohnten belgischen Zuchtmethoden reiten wir auf unseren „Kühen“ weiter nordwärts, passieren den Bois de Rosèe (der seinem Namen allerdings keine Ehre macht) und das kleine Dörfchen Ermeton-sur-Biert und steuern alsbald auf die Abtei Maredsous zu. Die majestätisch strenge Benediktinerabtei wurde 1872 gegründet und ist das größte und imponierendste Kloster weit und breit. Die mächtigen Türme der Abteikirche schimmern silbergrau über den Baumkronen des ausgedehnten Abteiparks. Doch trotz ihrer Größe bietet die Abtei eine Stätte nicht nur der Besinnlichkeit, denn auch des Genusses: Der hier hergestellte, köstliche Maredsous-Abteikäse zählt wie das schmackhafte Bier zu den Markenprodukten wallonischer Lebensart. Im „Centre Saint-Joseph“ und dem Biergarten „La Clairière“ lassen wir uns einige kühle (selbstverständlich alkoholfreie) Blonde schmecken, zu denen uns Abteikäse und Brot gereicht wird.

Für die Nacht haben wir uns das „Chalet des Grottes“ ausgesucht, direkt neben den Höhlen „Grottes du Pont D’Arrcole“. Die kleine Auberge mit dem imposanten, zum Glück jedoch ausgestopften Hirsch an der hölzernen Fassade, schmiegt sich mitten im dichten Wald an eine enge Kurve einer schmalen Straße. Schon kurz nach der Dämmerung ist es hier stockdunkel und absolut ruhig. Keine Autos, keine Menschen, nur vereinzelte Tiere sind hören. Eine nachtaktive Eule macht sich in der Dunkelheit mit ihren Rufen bemerkbar, ein Rascheln im dunklen Unterholz – sonst nichts. So darf ein Tag zu Ende gehen…

Bei Sonnenaufgang am nächsten Morgen kriecht feuchter Nebel aus dem Wald. Die sternenklare Nacht hat für herbstliche Kälte gesorgt, doch die Sonne blinzelt bereits durch die Wipfel. Wir wischen unsere Sitzbänke trocken, schnüren unser Gepäck und machen uns auf ins stille Tal der Molignée. Die Molignée ist ein kleines Nebenflüsschen der Maas und windet sich durch ein sanftes, dichtgrünes Tal. Unsere Straße folgt den Schlangenlinien des gerade einmal 20 Kilometer langen Bachs. Doch diese 20 Kilometer haben es in sich: Auf der kurzen Strecke reihen sich unzählige Kurven aneinander. Wir rutschen aufgeregt von einer Seite der Sitzbank auf die andere und genießen dabei jede einzelne der vielen Biegungen. Immer wieder führen Straße und Bach unter dem Bahndamm entlang, auf dem jedoch schon lange keine Züge mehr fahren. Sollte tatsächlich jemand genug von den vielen wallonischen Kurven haben, kann hier eine Draisine mieten: Auf der Strecke zwischen Falaën und Maredsous lassen sich auf einem Schienenfahrrad Kilometer schrubben. Noch bis Anhée erstreckt sich das verwunschene, schnörkelige Seitental, bis wir wieder die große Maas erreichen.

Hinter Anhée nehmen wir kurz Abschied von der Maas und steuern in Purnode die „Brasserie du Bocq“ an, eine der wenigen belgischen Bierbrauereien, die auch heute noch als Familienunternehmen betrieben wird. Seit 1858 wird hier mit großem Erfolg nach überlieferten Rezepturen und traditionellen Verfahren gebraut. Wer bisher nur Pils, Kölsch und Alt kennt wird hier große Augen machen: Das Sortiment der Biere reicht vom ungefilterten Weizen-Bier (Blanche) über blondes Bier, Amber-Bier und dunkles Bier bis hin zu aromatisierten Biersorten wie dem berüchtigten belgischen Kirsch-Bier. Wissensdurstige Besucher erhalten im Rahmen einer Besichtigung natürlich auch eine Kostprobe des Gerstensaftes.

Inmitten der verträumten Landschaft zwischen Maastal und Hochardennen klebt das kleine Dorf Crupet an einer Hügelkante über dem Ufer des Flüsschens, dem das Dorf seinen Namen verdankt. Ein ritterlicher Donjon, ein Wehrturm aus dem 12. Jahrhundert, ragt aus dem kleinen Flüsschen hervor, den wir auf einer hutzeligen Brücke überqueren. Das Wahrzeichen von Crupet lassen wir rechterhand liegen und stürzen uns in geschwungener Abfahrt zurück in Maastal. Kurz folgen wir dem Fluss, auf dem sich wunderschön die Sonne in abertausenden kleinen Sternchen spiegelt, um gleich wieder Anlauf zu nehmen und die steile Straße gen Maillen einzuschlagen. Wir wollen noch einige Kurven kratzen und verzichten deshalb für die letzten Kilometer nach Namur gerne auf die schnurgerade, gut ausgebaute N92 unten im Tal. Vorbei an Courrière und Goyet schwingen wir mit einem breiten Grinsen unter’m Helm durch die kurvige Landschaft, die linke Hand stets auf Visierhöhe, um die vielen entgegenkommenden Biker zu grüßen, bis wir schließlich das Örtchen Samson und kurz darauf die Hauptstadt der Provinz erreichen.

Namur bezeichnet sich gerne als die Genießerhauptstadt der Ardennen. Eingeweihte, so sagt man uns, nennen die charmante Barockstadt auch Feinschmecker- und Kulturhochburg. Schlemmer und begabte Handwerkskünstler seien die Wallonen. Beim Schlendern durch die Stadt erfahren wir viel von der herzlichen Lebensart der „Namurois“. Wir besuchen die gewaltige Festung, die in wahrhaft exponierter Lage am Zusammenfluss von Maas und Sambre gelegen ist, bestaunen klassisch-schöne Stadthäuser und die Schatzkammern der maasländischen Goldschmiedekunst. Ein abschließender Besuch in einer Patisserie darf hier nicht fehlen: Die vielen süßen Köstlichkeiten und das leckere, buttrige Gebäck lassen uns auf den nächsten Kilometern schwerer in den Kurven liegen. Auf der N959 und später auf der N90 folgen wir dem Fluss in die weite Ebene ostwärts. Vorbei an Andenne und Huy treten wir in Richtung Lüttich unsere Heimreise an.

Text & Fotos © Christoph Papsch