Pfälzer Weinstraße: Schlaraffenland

Es ist ein lauschiger Sonntagnachmittag, der späte Sommer schickt noch einmal warme goldgelbe Sonnenstrahlen übers Land. Oben am blauen Himmel ziehen Bussarde ihre ruhigen Kreise, unten in einem hübschen Winzerhof hat sich eine Katze zwischen den Holzbänken gemütlich zu einem Nachmittagsnickerchen zusammengerollt. Die Ruhe täuscht: In den Weinbergen und den vielen Winzerhöfen rings herum herrscht hektische Betriebsamkeit, denn die Lese läuft jetzt im September und dem folgenden Oktober auf Hochtouren. Es ist Weinfest (Weinkerwe) in Deidesheim, einem der hübschesten Orte der Weinstraße. Um uns herum sitzen gut gelaunte Menschen, die fröhlich und lautstark miteinander plaudern und lachen. Es riecht nach deftigem Essen, nach gegorenen Trauben und nicht minder nach Wein. Auf den Tischen reihen sich Flaschen an Gläser, Gläser an Speisen. Im Hof und draußen auf der Straße herrscht reges Treiben: Jugendliche rauschen auf Fahrrädern und Mopeds heran, wandernde Senioren in karierter Trekkingkleidung stapfen gleichsam durchs Tor in den Hof – in Vorfreude auf einen guten Schoppen.
Auch Jan und ich suchen uns ein freies Plätzchen an einem der Tische und bestellen sogleich zwei Gläser Wein. Kurz darauf steht er vor uns, dieser alles bestimmende, stets präsente Stolz der Pfälzer. Riesling heißt er, König der Weine nennt man ihn. Honiggelb, samtig und edel schwappt er in den Gläsern. Die Sonne spiegelt sich im Glas und reflektiert kleine Sternchen. Jeder Schluck ist ein Genuss, der den Trubel ringsherum fast vergessen lässt. Wir schmecken elegante Fruchtigkeit, feine Säure. Es duftet fast ein wenig nach feinem Obst. Für diesen Tag haben wir genau den richtigen Abschluss gefunden. Gleich werden noch Pfälzer Spezialitäten auf unseren Tellern folgen, dann ein zweites, vielleicht drittes Glas Wein… Verdient haben wir es uns, wie wir finden, standen doch die vergangenen Tage im Zeichen der Kurven des Pfälzerwaldes.

Auf einer Fläche von 180.000 Hektar erstreckt sich der Pfälzerwald und ist damit nicht nur ein wahres Naturparadies, sondern auch das größte zusammenhängende Waldgebiet Deutschlands. Fast drei Viertel des Waldgebietes sind mit Edelkastanien, Buchen, Fichten und Kiefern bewachsen. Charakteristisch für den südlichen Pfälzerwald sind die imposanten Sandsteinfelsen und vielen Höhlen, die gleichsam Lebensraum für allerlei seltenes Getier sind. Auf den unzähligen Hügeln des Pfälzerwalds finden sich nahezu einhundert Burgen; durch die Täler schlängeln sich Bäche, die in kleinen Seen münden. Ebenso bahnen sich etliche kleine Sträßchen ihren Weg durch den Wald. Auf einer davon haben wir gerade angehalten. Wir stellen den Motor unserer Maschinen ab und lauschen der Stille. Hier, mitten im Wald, scheint die Zivilisation Lichtjahre entfernt zu sein. Wir hören Bäume sich im seichten Wind wiegen, einen Specht sein Tagwerk tun, wir lauschen dem Rascheln im Unterholz und dem spitzen Krächzen eines Eichhörnchens.

„Totenkopfstraße“ wird hier die L514 genannt, die ihren Namen vom 513 Meter hohen Bergrücken, dem Totenkopf, erhielt, und die wir uns vor unserer Tour fett auf unserer Straßenkarte markiert haben. So viele kleine Kurven wie hier haben wir sonst kaum darauf gefunden. Vom hübschen Örtchen St. Martin aus sind wir zuvor den steilen Haardt hinauf geknattert, bis die Weinberge weniger und der Wald schlagartig mehr wurde und die gerade Straße plötzlich immer mehr Falten schlug – zu unserem Glück nahezu ohne (Gegen-)Verkehr. Nur das Schild an der kleinen Abzweigung zwang uns kurz zum Anhalten. Jan, der vorausgefahren war, stand zunächst ratlos davor: die Weiterfahrt für Motorräder war ab dort untersagt. Zu viele Unfälle hatte es hier in den vergangenen Jahren gegeben, dass sich die Behörden entschlossen, die Straße kurzerhand für den motorisierten Zweiradverkehr am Wochenende zu schließen. Dieses jedoch sollte noch vor uns liegen und uns die Weiterfahrt damit für heute erlauben. Wir folgen der nun etwas breiteren L499 gen Elmstein und biegen kurz darauf auf die kleine L504 ab. Eine gute Entscheidung, die uns mit fantastischen Kurven, weiten Ausblicken über grandiose Landschaft und wunderbarer Stille verwöhnt. Kurzum: Es ist ein toller Ort, an dem wir Motorradfahrer uns recht austoben können.

Doch auch das Kulturelle soll nicht zu kurz kommen. Über die B48 steuern wir den Wasgau an, den südlichen Teil der Pfalz. Dass es sich hier fürstlich leben lässt, ist keine Erkenntnis des modernen Tourismus. Die Vorteile von mildem Klima, Wald  und Wein haben schon vor Jahrhunderten Könige und Ritter in beachtlicher Anzahl dazu veranlasst, sich ausgerechnet hier mit dicken Mauern zu umgeben. Sie machten die Pfalz zu einem Land der Burgen. Burg Berwartstein steht nun auf unserem Plan: Im 12. Jahrhundert erbaut ist sie die einzige noch bewohnte Burg der Pfalz. Berühmtheit erlangte sie als berüchtigtes Raubritternest durch Ritter Hans von Trotha, genannt Hans Trapp, einem Unhold aus dem 15. Jahrhundert, der sein Unwesen vor allem gegen die nur wenige Kilometer entfernten Franzosen in den Vogesen trieb und dessen Grausamkeiten durch die spannenden Erzählungen unseres Burg-Führers lebendig werden. Folterkammern, schwere Gitter, dunkle Gänge und die vielen Wappen, Rüstungen und Waffen der einstigen Bewohner tun ihr übriges dazu. Die Burg, sagenhaft auf dem nackten Fels errichtet, und der Ausblick über die Hügel des südlichen Pfälzerwaldes mit seinen vielen Naturdenkmälern ziehen uns in ihren Bann. Weiter nördlich auf unserer Tour halten wir an einer ebenso bedeutenden Burg, dieses Mal auf dem herrschaftlichen Trifels bei Annweiler. Hier wurden im 12. und 13. Jahrhundert die Reichskleinodien, die Herrschaftsinsignien der Kaiser und Könige des Heiligen Römischen Reiches, aufbewahrt. Besonders stolz jedoch ist man darauf, dass in den Jahren 1193/94 kein geringerer als der englische König Richard Löwenherz hier gefangen gehalten wurde.

Nach Burgen, Wald und wilden Kurven rauschen wir den Haardt hinab und gelangen in Landau erneut auf die Deutsche Weinstraße. Die Idee muss gut gewesen sein, sonst wäre sie andernorts nicht so oft kopiert worden: Als die Pfälzer 1935 die Deutsche Weinstraße gründeten, begann die Geschichte eines Phänomens. Die erste und nach wie vor bekannteste weintouristische Route Deutschlands ist auf ihre ganz besondere Weise einzigartig. Sie gilt zur Recht als Inbegriff einer wunderschönen Landschaft und ihrer freundlichen und warmherzigen Menschen. Wenn man jedoch von aller Schwärmerei einmal absieht und sie ganz nüchtern betrachtet, dann ist die Pfälzer Weinstraße die pulsierende Lebensader einer ganzen Region. Sie ist – historisch, geografisch und wirtschaftlich gesehen – der rote Faden, der sich durch das pfälzische Weinbaugebiet zieht: durch Rebhügel und malerische Winzerdörfer, durch betriebsame, lebendige Städte und vorbei an Burgen und Schlössern. Die hübschen Weinbaugemeinden Frankweiler, Gleisweiler, Burrweiler und Rhodt unter Rietburg liegen eingebettet zwischen Rebhügeln, wo Rheinebene und Pfälzerwald einander begegnen. In den Orten reihen sich Weingüter an Winzerhöfe. Über den Toren der hübschen Häuser aus Buntsandstein hängen gold verzierte Schilder, die Reisende auf Weinprobe und -verkauf hinweisen. Ein Bilderbuch-Landstrich, in dem wir schon früh morgens Männer und Frauen Gehwege und Straßen fegen sehen, um alles noch hübscher aussehen zu lassen. Wir suchen uns einen kleinen Weg durch die Reben, die hier bis an die Straßenränder wachsen, um von weiter oberhalb des Haardthangs einen schönen Blick über das weite Rheintal zu ergattern. In Edenkoben stehen wir nun direkt unterhalb der Villa Ludwigshöhe, die einst Sommersitz des Bayernkönigs Ludwigs I. war und heute ein Museum mit Bildern des pfälzischen Impressionisten Max Slevogt beherbergt. Über Maikammer, einem weiteren Schmuckstück unter den vielen hübschen pfälzischen Weinbaugemeinden, folgen wir den gelb-schwarzen Wegweisern der Weinstraße auf der L512 gen Neustadt. Das Hambacher Schloss, als „Wiege der deutschen Demokratie“ seit dem Hambacher Fest im Jahre 1832 bekannt, gehört zu den eindrucksvollsten historischen Bauwerken am Haardtrand und steht für jeden Reisenden auf dem Pflichtprogramm. Gimmeldingen, Ruppertsberg, Deidesheim, Forst, Wachenheim – man muss sie einfach alle nennen, so pittoresk ist jedes dieser kleinen Wein-Dörfer, die wie an einer Perlenkette aufgereiht daliegen; schließlich das Städtchen Bad Dürkheim, das gerne im Zusammenhang mit dem weltgrößten Weinfest, dem Bad Dürkheimer Wurstmarkt, und dem größten Weinfass der Welt mit einem Fassungsvermögen von 1.700.000 Litern, entsprechend 1.700 m3, genannt wird.

Auch wenn sich hier fast alles um den Wein dreht – während der Erntezeit in den Weinbergen werden auch andere, typische Produkte der Region in den Höfen oder an Verkaufsständen entlang der Straße angeboten. Esskastanien beispielsweise, in der Pfalz als Keschde bekannt, Kürbisse in allen Formen und Farben oder Pilze und Wild aus dem nahen Pfälzerwald. Auf unseren Mopeds fühlen wir uns wie im Schlaraffenland: Feigen, Mandeln, Kiwis – all das wächst hier dank des milden Klimas. Knorrige Obstbäume stehen an vielen Straßenrändern und zwingen uns des Öfteren zum Anhalten – so können wir uns an frischen Birnen, saftigen Äpfeln oder leckeren Pflaumen gütlich tun. Doch das alles sind nur kleine Snacks, erst am Abend im Restaurant erleben wir eine weitere kulinarische Seite der Pfalz: Ein Schiefer Sack, bestehend aus einer Bratwurst und einem Leberknödel, landet auf meinem Teller, die Pfälzer Dreifaltigkeit (Leberknödel, Bratwurst, Saumagen) schmückt das Porzellan von Jan. Wir gewinnen mehr und mehr den Eindruck, dass man in der Pfalz versteht, das Leben zu genießen.

Die Deutsche Weinstraße besticht zweifelsohne durch eine zauberhafte Natur und den edlen Wein. Sie ist aber auch Ausdruck eines Lebensgefühls, das jeder, der die Weinstraße wie wir erlebt hat, bestätigen kann. Der Stolz der Pfälzer auf ihren „Saumpfad der Seligkeit“, wie die Route mitunter schwelgerisch genannt wird, ist deshalb nur verständlich. „Mir kommt es vor“, hörten wir einen Gast auf der Deidesheimer Kerwe im Überschwang der weinseligen Gefühle sagen, „als hätte die Luft in dieser Landschaft immer einen kleinen Schwips“. Unrecht hat er damit nicht.