Ardennen: Ein Geschenk des Himmels

Die Nationalstraßen 86 und 89 durchschneiden die belgischen Ardennen nahezu in grader Linie, als ob der Reisende so schnell wie möglich durch dieses Fleckchen Wallonie geschickt werden soll. Doch links und rechts der Schnellstraßen erstreckt sich eine großartig Landschaft mit interessanten Sehenswürdigkeiten und kulinarischen Höhepunkten. Es lohnt sich zu verweilen.

Da liegen sie vor uns – die Ardennen, dieses belgische Stück erhabener Natur: Sattgrüne Hügel, bedeckt mit saftigem Gras, auf dem Rinder grasen und sich wiederkäuend ausruhen. Dichte Wälder, die die Landschaft dazwischen dunkelgrün färben. Es riecht nach weitem Land, nach dem beginnenden Herbst und großartiger Natur. Über dem Ganzen wölbt sich ein tiefblauer Himmel, der hier und da mit watte-weißen Schönwetter-Wölkchen betupft ist. Über allem zieht ein Bussard seine großen Kreise, wachsam auf uns herunter blickend.

In Theux, dem schnuckeligen Städtchen wenige Kilometer südlich von Verviers, beginnen wir unsere Reise. Die Autobahn haben wir nach etlichen Kilometern der Anreise dankend verlassen und sind nun hungrig auf kleine Sträßchen und nicht enden wollende Kurven. An dem kleinen Kreisverkehr im Ort landen alle, die gen Südwesten wollen. Sie nehmen wie Jan und ich sogleich die Ausfahrt auf die N62 in Richtung Hamoir und Durbuy. Entspannt cruisen wir im vierten Gang mit unseren Maschinen die Hügel hinauf und herunter, wenige Kreuzungen oder Kreisverkehre stören unsere Fahrt. In Comblain-au-Pont stoßen wir auf das kleine Flüsschen Ourthe, das uns auf den nächsten Kilometern begleiten wird. Auf einem kleinen Markt werden nicht nur Käse und Wurst feilgeboten. Jan entscheidet sich für die obligatorische Pommes Frittes, ich genehmige mir zur Nachmittagszeit eine gaufre chaud, eine heiße belgische Waffel.

Die Ourthe mäandert hier wunderschön durch das kleine Tal: Die Hänge der Hügel fallen schroff ab, sodass unsere kurvige Straße zwischen Steilhang und Flüsschen klebt. Bald folgt Durbuy, das hübsche kleine Dorf – nein, nicht Dorf, als die kleinste Stadt der Welt bezeichnet sich Durbuy. Angeblich soll das alte Residenzstädtchen immerhin 400 Einwohner haben. Mit seiner malerischen Altstadt und seinen Fachwerkhäusern aus dem 17. und 18. Jahrhundert ist es eines der Highlights der Ardennen. Auf dem Parkplatz inmitten des Städtchens treffen wir auf unzählige Motorräder, Männer und Frauen in Lederkombis und Tourenklamotten bevölkern das Pflaster. Romantisch an der Ourthe gelegen, ist Durbuy überwiegend den Fußgängern vorbehalten – was uns und die fahrenden Kollegen allerdings nicht stört: Die Stadt ist schnell durchschritten. Dennoch sollte man sich ein wenig Zeit nehmen für die Besichtigung der Parkanlage und des Schlosses, der historischen Sträßlein oder der alten Stadtmauer, die auf das 11. Jahrhundert zurückgehen.

Wenn die Luft im beginnenden Herbst frisch und würzig riecht und der Nebel aus den Tälern der Flüsse steigt, dann beginnt in den Ardennen die genussvollste Zeit des Jahres: die Wildsaison. Das pittoreske Örtchen La Roche-en-Ardenne ist einer der Zentren der kulinarischen Ardennen, viele traditionelle Schinkenhersteller sind hier ansässig. Die bekannteste und wohl beste Metzgerei darunter ist das Maison Bouillon et Fils. Wer sich vom üppig bestückten Schaufenster losreißen kann und die Ladentür durchschreitet gelangt in ein Wunderland fleischigen Genusses. In der Auslage liegen Wildspezialitäten, wunderbare Pasteten und dunkle Schinken, getrocknet in bester Luft der Ardennen. Von der Decke über und hinter der Theke hängen schmackhaft dekorierte Würste aller Formen und Größen. Die würzige Luft betört die Nase und lockt den Gaumen. Man muss schon ein Vegetarier sein, um hier nicht ohne Einkauf wieder hinauszugehen.

Apropos kulinarische Wildgerichte – wem bis jetzt noch nicht das Wasser im Munde zusammengelaufen ist stelle sich folgende, typische Ardennen-Gerichte vor: Fasanenbruststreifen in Kastaniencreme, Filet vom Hirschkalb an Kürbispüree, Nüsschen vom Rehbock auf Trockenobst-Polenta oder Wildschweinrücken in einer Soße aus Echalotten, Zwiebeln, Knoblauch, Petersilie, Thymian, Lorbeer in Weißwein und Apfelgelee.

Wir klappen das Visier hoch, nehmen einen tiefen Zug der frischen, herbstlichen Luft und knattern weiter gen Süden. Umgeben von dichtem Wald gelangen wir alsbald in das Städtchen Saint-Hubert mit seiner mächtigen Basilika. Früher pilgerten Gläubige zu der ehemaligen Benediktinerabtei, damit der Heilige Hubertus sie vor Tollwut schütze. Denn Hubertus gilt als Schutzpatron der Jagd und der Schützen. Seit dem Mittelalter wird hier die Hubertus-Legende erzählt, nach der er auf der Jagd von einem prächtigen Hirschen mit einem Kruzifix zwischen dem Geweih bekehrt wurde. Heute versammeln sich in der „Hauptstadt der Jagd“ Freunde und Interessierte der Jagd: Am ersten Wochenende im September feiern sie die „Internationalen Jagd- und Naturtage“, am 3. November den „St. Hubertus-Tag“. Dann ist ordentlich etwas los in dem kleinen Städtchen: Jäger blasen ins Horn, der Bischof von Lüttich hält eine Messe, bei der sogar Hunde gesegnet werden, ein historischer Umzug durch die Stadt und auf dem Markt erzählt die Geschichte der Jagd, rings um die Kirche im Zentrum von Saint-Hubert bieten Händler Kunsthandwerk und Spezialitäten der Region feil.

Die Nacht verbringen wir in einem wahrlich wildromantischen Hotel, einem prächtigen Herrenhaus am Waldrand, oberhalb der Stadt Bouillon tief im Süden der Ardennen. Der Ort nahe der französischen Grenze wartet mit mindestens zwei Sehenswürdigkeiten auf: Zum einen die Semois, das kleine Flüsschen, das sich durch Boullion windet und dem Ort gleich zwei ausgesprochen hübsche Uferpromenaden beschert. Zum anderen die spektakulär auf drei Hügeln gelegene Burg des Gottfried von Boullion. Ritter Gottfried war 1096 der Anführer des Ersten Kreuzzuges und Gründer des Ordens Saint Sépulcre, bis er die Burg an das Erzbistum Lüttich verpfändete, um seine Expedition ins gesegnete Land finanzieren zu können.

Der üppig gedeckte Frühstückstisch lässt uns länger im Hotel verweilen als geplant, bis wir endlich auf unsere Maschinen klettern, um das Semois-Tal zu erkunden. Es geht raus aus der Stadt und rein in die Kurven. Die Straße schlängelt sich fein geschwungen die Hügel empor und so erreichen wir wenig später Rochehaut, wo wir einen ganz besonderen Ausblick ins Tal erleben: Das Panorama du Frahan lässt uns auf das gleichnamige Dorf blicken, das unter uns und in einer Bilderbuch gleichen Flussbiegung liegt, als wäre es dem Märklin-Katalog entsprungen. Zurück im Tal folgen wir der Semois gen Südosten und erleben  wunderschöne Wald- und Hügellandschaft: Alle paar Kilometer zwingt uns ein Ausblick zu recht zum Anhalten. Der Fluss verläuft mal links, mal rechts so dicht neben der kleinen Straße, dass wir unsere Motorräder für einige Zeit gerne gegen ein Kajak auf dem kühlen Fluss tauschen würden.
Vor Florenville werden die Wälder schließlich weniger, die Landschaft wird weiter und die Anzahl der Rinder auf den Weiden nimmt nach und nach zu. Die Nationalstraße 83 verläuft hier entlang der französischen Grenze teilweise so schnurgerade wie die Highways der kanadischen Wildnis. Für uns Motorradfahrer eine etwas langweilige Fahrt doch gleichzeitig eine nette Gelegenheit sich von den Eindrücken der letzen Kilometer zu erholen, die nach kurzer Zeit an der Abtei Notre-Dame d’Orval schon wieder endet.

„Du findest Gott in der Brauerei“ – dieser Satz aus dem Mittelalter, als den Mönchen Bier erlaubt wurde, wenn das lokale Wasser zu schlecht war, war wohl richtungweisend für die kirchliche Biertradition. Belgiens berühmte Trappistenbiere sind deshalb sprichwörtlich frommer Herkunft und werden gern als „Geschenk des Himmels“ bezeichnet. Es gibt nur wenige Orte auf der Welt, wo dieses Klosterbier der Trappisten, einem Zweig der Zisterziensermönche, produziert wird. Die Bezeichnung dieser Biere (Trappiste) ist geschützt, weshalb auch nur die Biere, die in einer der sieben Abteien unter den wachsamen Augen der dort lebenden Mönche gebraut werden, diese Bezeichnung tragen dürfen. Die charakteristischen Trappistenbiere sind obergärige, meist dunkle und starke Biere, die seit Generationen nach traditionellen Methoden hergestellt werden. Jedes Kloster hat sein eigenes Geheimnis, den Bieren ihren individuellen Geschmack zuzuführen. Zum Beispiel Orval: Die wunderschöne monumentale Klosteranlage Notre-Dame d’Orval mit ihrem im Sonnenlicht strahlenden goldgelben Sandstein wurde 1070 gegründet. Hier hat man sich auf lediglich eine Sorte Trappiste spezialisiert: ein dunkles Starkbier mit stark hopfigem und etwas bitterem Geschmack.

Trappistenbier müsse man genießen, sagt man uns. Die süffigen und starken Biere seien nichts für den schnellen Durst. Das Orval zählt mit 6% eher zu den leichten Trappistenbieren. Wer es etwas schwerer mag greift beispielsweise zum Chimay Bleue (9%) oder zum Rochefort Dix, das es auf stramme 11,3% schafft. Nicht nur deshalb gehört zum Trappistenbier ein entsprechender kräftiger Abteikäse. In einer urigen Kneipe nahe dem Kloster von Orval genießen wir, gleichermaßen köstlich, Bier und Käse. Die Motorräder bewegen wir danach eine Zeit lang nicht mehr und gönnen uns dafür einen ruhigen Rundgang durch die alt-ehrwürdige Klosteranlage.

Noch einmal Natur satt: Die Gegend um Mirwart ist ein Naturparadies mit wunderschönen Landschaften und Aussichtspunkten in wilder Fauna. Durch ein weißes Tor fährt man ein in den naturgeschützen Wald. Dort finden wir die sprichwörtliche Ruhe der großen Wälder. Die kleine mit Schlaglöchern übersäte Straße windet sich durch den herbstlichen Wald. Mächtige Buchen und Eichen starren direkt neben dem Asphalt in die Höhe. Es riecht nach Pilzen und feuchtem Waldboden. Jan und ich sind uns einig: Wir würden glatt unsere Motorradstiefel gegen Trekkingschuhe tauschen und zum majestätischen Chateau de Mirwart wandern – hätten wir sie nur eingepackt. So geht es per Bike noch einmal nach Saint-Hubert, das nur wenige Kilometer entfernt liegt. Auf dem Marktplatz unterhalb der Basilika finden wir ein kleines Restaurant – genau den richtigen Ort für unser Vorhaben. Zum Abschluss unserer Reise soll es noch einmal etwas regional-köstliches sein: Wildschwein mit Preiselbeeren und Pilzen, landet auf Jans Teller, auf meinem Reh mit Knollenselleriemousse, knusprigen Esskastanien und Bratapfel. Ja, die Ardennen sind wirklich ein Genuss.

Text & Fotos: Christoph Papsch