Erzgebirge: Drham is’ drham

Und dann stand ich vor einer Kreuzung, an der vier Straßen in vier Richtungen abzweigten, legte den Leerlauf ein und schaltete den Motor ab. Alle vier sahen sie gleich aus: hellgrauer, brüchiger Asphalt, ausgebesserte Schlaglöcher, ausgefressene Ränder ohne die obligatorische weiße Linie. Die Straße bisher war natürlich nicht anders. Kilometer lang fuhr ich durch dichte, dunkle, tiefe und ungeheuerlich grüne Fichtenwälder. Die Äste der Bäume hingen dabei tief hinunter bis auf den Boden, als wollten sie die Straße kitzeln oder sie gar ganz für sich einverleiben. Die Natur schien hier mit aller Macht dafür sorgen zu wollen, sich der modernen Zivilisation zu entledigen. Ein bisschen kam mir die Szene vor wie beim Weihnachtsbaumkauf, wenn man sich dick eingemummt im verschneiten und klirrend kalten Dezember hinaus aufs Land begibt, um sich zwischen all den Bäumen den natürlich schönsten für seine warme Stube daheim auszuwählen. Vielleicht war es der Gedanke an den weißen Winter, vielleicht aber auch der dichte Nebel, der mich am Tag zuvor hat langsamer in die Kurven fahren lassen, der meinen rechten Daumen erst langsam und dann immer zielstrebiger zum Schalter der Griffheizung krabbeln ließ.

Hier an der kleinen Kreuzung aber war es anders als bisher auf der Landstraße. Die Kreuzung befand sich auf einer weiten Lichtung, leicht am Hang gelegen, sodass ich den Blick weit, sehr weit schweifen lassen konnte. Der Schnee, der noch bis vor kurzem die Wiesen unter sich zerdrückt hatte, hinterließ braune, kugelige Grasbüschel. In den Gräben neben den Straßen rangen die letzten Schneeflächen mit den Temperaturen des einsetzenden Frühlings. Die Einsamkeit der auf den ersten Blick unspektakulären Landschaft unterbrachen lediglich vier einsame Häuser, die in weitem Abstand über das Hochmoor verteilt dalagen wie Maulwurfhügel auf einer Wiese. Früher hatte es hier das Dorf Seifen gegeben, von dem diese Häuser übrig geblieben waren. Früher, das ist schon lange her und lässt sich heute am Besten mit „vor dem Krieg“ beschreiben. Seifen ist eines von etlichen Dörfern in der Gegend gewesen, in denen der lange Arm der Geschichte einmal mehr ausgeholt hatte, um nach dem Krieg das Schicksal der Menschen für lange Zeit zu bestimmen.

Für mich sollte die Reise ins deutsch-tschechische Grenzgebiet hinauf auf die höchsten Erhebungen des Erzgebirges vor allem eine Reise in meine Vergangenheit sein, so hatte ich es mir vorgenommen. Denn ein Teil meiner Vorfahren stammt aus dieser Region. Noch heute erinnere ich mich an spannende Erzählungen meines Vaters, in denen er von der kargen aber doch so wunderbaren Natur sprach. Wie sie schon als kleine Jungen Jahr für Jahr in jedem Spätsommer durch die dichten Nadelwälder gezogen waren, Fußballgroße Steinpilze und Körbeweise Preiselbeeren gesammelt hatten, wie sie Spuren von Wildscheinen und Rehen gelesen und sie auch schon mal einen Hasen erlegt und mit nach Hause gebracht hatten. Kurzum: Seit jeher hatten die Menschen im Erzgebirge beider Grenzseiten versucht, sich die Natur so gut wie möglich zunutze zu machen.

Der Asphalt der Straßen, auf denen ich vorhin noch unterwegs war, schien sich im Wald verirrt zu haben. Ich fuhr durch Kurven und bog anschließend auf schnurgerade Abschnitte, passierte schmale Brücken und folgte einem kleinen Bachlauf, der sich durch die grün-braune Landschaft wand wie eine Schlange im Unterholz eines dichten Waldes. Ich kam mir vor wie in einer Zauberwelt aus verschwommenem Fichtenwald, Nebel und weiter, schwerer Stille. Autos oder andere Motorradfahrer kamen mir nicht entgegen; Menschen sah ich kaum. Auf den Weiden am Wegesrand hatte ich bisher keine Kühe oder Schafe gesehen, in den Gärten war weder Obst noch Gemüse gewachsen. Der karge Boden, der von den weiten Nadelwäldern ohnehin sauer geworden war, konnte mit keinen besonderen landwirtschaftlichen Erträgen prahlen. Lange, strenge Winter, die bis weit ins Frühjahr Schnee und Kälte bringen, halten Natur wie Menschen der Region fest im Griff.

Die Kehrseite dieses entbehrungsreichen Lebens ist bis heute das Leben zuhause in der „guten Stube“. Dem Begriff der Gemütlichkeit war man schon immer zugewandt, weshalb es nicht wundert, dass Musik und Kunst in der Abgeschiedenheit des Erzgebirges eine große Rolle spielten und sich entfalten konnten. Um ihr meist karges Einkommen aufzustocken, hatte es bereits im 19. Jahrhundert viele Menschen gegeben, die versucht hatten, mit Musizieren etwas Geld hinzuzuverdienen. Anton Günther war der wohl bekannteste Volksdichter und Sänger des Erzgebirges. Er hatte dafür gesorgt, dass sich Gesang und Liedgut in erzgebirgischer Mundart schnell über die Region hinaus verbreitete. Lieder wie „Drham is’ drham“ oder „D’r Schwammagieher“ sind so Anfang der 20. Jahrhunderts entstanden. Viele Musikgruppen trugen die Sangestradition daraufhin aus dem waldreichen Gebirge in die Welt hinaus. Noch bekannter für das Erzgebirge ist die kunstvolle Holzverarbeitung. Da Holz als Rohstoff in der Natur ausreichend vorhanden war, wurde aus einer Feierabendbeschäftigung eine neue Erwerbsgrundlage: bunt bemalte Bergmannsfiguren, Nussknacker, Weihnachtsengel, Räuchermänner, Spieldosen und Weihnachtspyramiden gelten auch heute noch als Aushängeschild der Region.

In einem Landgasthof in Oberwiesenthal, einem der ältesten Häuser im Ort, hatte ich mir ein Zimmer genommen. Von meinem Fenster aus konnte ich hinauf zum Keilberg schauen. Auch dort lag noch immer Schnee. Dichte Wolken wechselten sich mit blauem Himmel ab, die Bäume am Hang schienen in diesem hell-dunklen Naturschauspiel zu pulsieren. Immer wieder waberten Löcher in den Wolken und gaben den Blick auf die Gipfelhütte des höchsten Berges des Grenzgebirges frei. Unter in der Wirtschaft hatte ich die kulinarische Seite des Erzgebirges kennen gelernt: Auf der Speisekarte stand Wildschwein und die allgegenwärtigen „Griene Kließ un Schwammebrie“ (Kartoffelklöße mit Pilzsoße). In einer Gaststube, so dunkel wie ein Fuchsbau, mit schwerem hölzernen Mobiliar und zahlreichen tierischen Trophäen an den Wänden, genoss ich dazu Oberwiesenthaler Bürgerbräu, das lokale Bier aus der Glückauf-Brauerei. – Glück Auf? Tatsächlich steht das Erzgebirge in großer Bergbautradition. Nicht ohne Grund trägt es schließlich seinen Namen. Vor mehr als 800 Jahren hatte man im Erzgebirge Bodenschätze entdeckt, allen voran Silber. Die ersten Siedler wurden vom Silberrausch in die Gegend gelockt und nach und nach war daraufhin der Bergbau erblüht. Der Abbau von Zinn, Erz und Silber hat die Dörfer im Erzgebirge entstehen und aufblühen lassen. Silberbesteck, Becher und Lampen aus Zinn wurden in alle Welt exportiert. In vielen Orten auf heute deutscher und tschechischer Seite wurde damals reiche Ausbeute gemacht.

Das Städtchen Jachymov hatte ich bereits kennen gelernt und wusste worauf der Ort besonders stolz war, der unter dem Namen St. Joachimsthal mit dem „Joachimstaler“, dem Namensgeber des Talers und des Dollars, zuvor Weltgeschichte geschrieben hatte. Ich war die steile Straße vom Keilberg kommend ins Tal hinab gerauscht und hatte nun die „Spitz“ genannte Kurve erreicht, als ich von einem auffälligen Willkommens-Schild begrüßt wurde: „Erstes Radon-Bad der Welt“ stand da. Neben Silber und Nickel wurde in St. Joachimsthal auch Uranerz gefördert, in dem 1898 die bekannte Physikerin Marie Curie das Element Radium entdeckte. Daraufhin entwickelte sich ein beispielloser radioaktiver Boom. Neben Radium-Bier und allerlei Radium-Souvenirs war vor allem das radioaktive Wasser als Heilbad beliebt.

Weiter talwärts fuhr ich auf einer Straße, die viel zu groß für den Ort zu sein schien. Ich passierte die St. Joachims-Kirche, das Rathaus aus dem 16. Jahrhundert und die alte Schule, von der mein Vater immer erzählt hatte. Im Unterdorf angekommen stand es dann vor mir – einer Pyramide im Sand der ägyptischen Wüste gleich: Das Radium Palace. Ein Kurhotel-Prachtbau, das mit internationalem Flair und Jahrhundertwende-Architektur über die Stadt strahlte. Aus aller Welt kommen heute Patienten in das kleine Kurviertel. Wer sich hier erholen möchte weiß um die Heilwirkung des radonhaltigen Wassers, dessen radioaktive Thermalquellen im ehemaligen Uranbergwerk entspringen.

Nun stand ich also an der kleinen Kreuzung in Seifen und überlegte, welche Richtung ich einschlagen sollte. Der Name des Ortes Seifen erinnerte schon seit jeher an den Bergbau. Denn der Begriff Seifen kam von Zinnseifen, also dem Auswaschen des Zinnerzes aus dem Gestein. Der Sache mit dem Bergbau wollte ich weiter auf den Grund gehen. Ich entschied mich also für die Straße zu meiner Linken. Dort ging es nach Abertamy und Marianska, zwei kleinen Orten, die im Stammbaum meiner Familie als Geburtsorte des Öfteren Erwähnung fanden. Auf der Straße am Keilberg entlang würde ich anschließend zurück auf die deutsche Seite des Gebirges wechseln und der so genannten „Silberstraße“ in die Städte Annaberg-Buchholz und später Freiberg folgen, deren lange Bergbau-Tradition auch heute noch bekannt und interessant ist.

Text & Fotos © Christoph Papsch