Polen-Ukraine: Jenseits der Stadien

Die Endrunde der 14. Fußball-Europameisterschaft 2012 lockt vom 8. Juni bis 1. Juli den halben Kontinent vor die Flimmerkisten. Wior haben uns jenseits der Stadien in Polen und der Ukraine umgescjaut, ob sie auch als Motorrad-Ziel eine Reise wert sind.

Als am 18. April 2007 die hohen Herren des UEFA-Komitees entschieden, dass Polen und die Ukraine die Fußball-EM 2012 ausrichten werden – mit 8 zu 4 Stimmen gegen Italien –, waren gewiss viele Fußballfans in ganz Europa überrascht. Diese beiden Länder wollen und sollen so ein riesiges Spektakel wie die Europameisterschaft ausrichten? Geht das überhaupt? Wo doch kaum ein polnischer noch ein ukrainischer Verein europaweit von sich reden macht?!
Wir wollen dem Ganzen auf den Grund gehen und die beiden ungleichen Länder besser verstehen. Also auf! Polen, das klingt bereits nach Osten. Ukraine, steht für uns gleichsam als Synonym für Abenteuer!

An einem Sommer-Sonntag rauschen Jan, Rudi und ich auf unseren drei Maschinen gen Osten. Wir wollen es ruhig angehen, dem Transitverkehr und den schweren LKW ausweichen und verlassen deshalb bald die Autobahn. Vor allem aber wollen wir die vielen kleinen Kurven, die das Riesengebirge hier verspricht, nicht verpassen. Vorbei an Heide und Moor, Wäldern und Feldern geht es über Hügel und durch grüne Täler immer weiter in das südliche Polen, bis wir am Abend die alte Residenzstadt Nysa erreichen. Auf die deutsche Vergangenheit hier in der Region Schlesien weisen viele Ortseingangsschilder hin, die sowohl den polnischen wie auch den deutschen Ortsnamen zeigen. So lesen wir Pokrzywnica/Nasselwitz oder Dziecmorowice/Dittmannsdorf. Schnell stellen wir beim Lesen dieser Schilder fest, dass es die polnische Sprache in sich hat. Manche Namen sind einfach nicht auszusprechen, bestehen doch alle Wörter irgendwie nur aus Konsonanten…

Krakau, die Stadt mit den 140 Kirchen, den 70 Palästen und gut 5000 historischen Bürgerhäusern, strotzt am folgenden Tag mit Charme, architektonischer Schönheit und kultureller Vielfalt. Die Metropole wurde nicht umsonst von der Unesco zu einer der zwölf bedeutendsten historischen Städte der Welt erklärt. Das Herzstück der Altstadt bildet der große Hauptmarkt, einer der größten Plätze Europas, auf dem sich das städtische Leben konzentriert: Straßenmusiker, Künstler, Händler und Fiaker prägen das Bild. Wir nehmen in einem Café am Rande dieser Bühne Platz und genießen neben der Aussicht eine hervorragende polnische Wurst, die bei uns zuhause als Krakauer in der Auslage liegt und  schlendern zur Dämmerung durch Kazimierz. Das jüdische Viertel hat nicht zuletzt durch den Film Schindler Liste, der hier in Teilen gedreht wurde, Berühmtheit erlangt. In den letzten Jahren hat sich Kamizierz mit zahlreichen schicken Bars, Restaurants und Kneipen zum trendigen Szeneviertel entwickelt, in dem Krakaus Nachtleben pulsiert.

Nach den vielen Eindrücken der Stadt brauchen wir an den folgenden Tagen erst einmal eine Priese Natur und beschließen, noch weiter den kleinen Landsträßchen in Polens Südosten zu folgen. Bis hinein in den Bieszczadzki Nationalpark zieht es uns, wo es noch unberührte Natur und sehenswerten Urwald geben soll. Nur wenige Quadratkilometer werden hier landwirtschaftlich genutzt, der Rest ist wildromantische Natur, in der es von Bären, Wölfen und Wildkatzen nur so wimmeln soll. Der Sage nach sind die polnischen Waldkarpaten mit ihrer geringen Bevölkerungsdichte so abgeschieden, dass selbst der Teufel höchstpersönlich den Menschen eine gute Nacht wünscht. Wir mieten uns eine kleine Hütte mit gemütlichem Kamin und bleiben für zwei Tage. Im Minimarkt decken wir uns mit allem Nötigen für das Wochenende ein und genießen die Ruhe der polnischen Einsamkeit. Die Landschaft der Umgebung gleicht einer Mischung aus Eifel und Oberbayern und beglückt uns mit wunderbar glatten Straßen und unglaublichen Kurven, sodass wir gewiss sind: Hinter jeder Kurve folgen mindestens 200 weitere Biegungen. Das macht Spaß. Den Blick auf die 1400 Meter hohen Bergkämme zur Seite, passieren wir pittoreske Holzkirchen, baufällige Holzbrücken über reißende Flüsse, dann wieder Wiesen, die uns mit ihrer Farbenpracht aus gelben Butter-, weißen Wiesenblumen oder rot blühendem Klee den Atem rauben. Weit abseits jeder Zivilisation träumen wir abends bei der obligatorischen Flasche Wodka vor unserem Feuer vom Aussteigen in der Einsamkeit der Waldkarpaten.

Am nächsten Tag führt uns unsere Reise in die Ukraine, nun kann das Abenteuer beginnen! Wir nehmen den kleinen Grenzübergang bei Kroscienko, an dem es ungewöhnlich ruhig zugeht. Gelangweilt beäugen die ukrainischen Beamten unsere Pässe und vergleichen die Fahrgestellnummern unserer Maschinen mit den Papieren. Mit ihren ausdruckslosen, fast grimmigen Gesichtern, den sorgfältig gebügelten weißen Hemden mit wuchtigen Schulterklappen und den riesigen Offiziersmützen verbreiten sie den Hauch trockener, osteuropäischer Bürokratie. Eine halbe Stunde dauert es, bis wir die Stempel in unseren Pässen haben und schon sind wir drin in der Ukraine! Mit der polnisch-ukrainischen Grenze überfahren wir nicht nur eine Zeitgrenze, auch verlassen wir hinter dem kleinen Wachhäuschen die EU, was uns vor allem am Zustand der Straßen bewusst wird, die übersät sind mit Schlaglöchern und deshalb aussehen wie ein Schweizer Käse. In den kleinen Dörfern, die wir passieren, werden wir von den neugierigen Blicken der Bewohner verfolgt: Motorräder wie unsere sind hier relativ selten. Bei einem Stopp zeigt der Tankwart auf den 1150er-Schiftzug auf meinem Tank, dann auf den Motor meiner Maschine. Da wir mit der ukrainischen Sprache am ersten Tag nur wenig vertraut sind, löst mein bestätigendes Nicken bei ihm eine Mischung aus Verwunderung, Respekt und Freude aus. Die acht Männer, die sich innerhalb kürzester Zeit um mein Motorrad versammelt haben, reden plötzlich ganz aufgeregt miteinander und zeigen dabei immer wieder auf die lustig abstehenden Zylinder meiner GS.
Wenige Kilometer weiter der nächste Stopp, die nächste Hürde: Neben der Sprache sind für uns auch die Verkehrsschilder, die selbstverständlich auf Kyrillisch den Weg weisen, eine Herausforderung. So halten wir vor jeder größeren Kreuzung und vergleichen die Buchstaben auf den blauen Schildern mit denen in unserer Straßenkarte, um dann festzustellen, dass wir noch richtig sind. So kommen wir zwar nicht schnell voran, aber mit der Zeit bekommen wir Übung mit der Schrift.

Die alte Villa aus dem 19. Jahrhundert, in der wir im Kurort Truskavets absteigen, liegt nur wenige Meter neben der berühmten Naftusia-Quelle. Die besondere Heilwirkung des Wassers gegen angeblich fast alles zieht Kurgäste aus dem ganzen Land in Scharen an. In der riesigen, steril wirkenden Trinkhalle ragen an allen Seiten Hähne aus den Wänden, eine große Tafel informiert über die Geschichte der Quelle von Truskavets. Kurgäste füllen sich Portionsweise Wasser in Gefäße und wandeln anschließend mit höchst zufriedenem Gesicht durch den Park. Entzückt von soviel Genüsslichkeit wollen wir auch einmal probieren und hängen uns unter einen der Hähne. Das Wasser ist ekelig! Wir kriegen den kleinen Schluck kaum runter. Es riecht ungeheuerlich stark nach Erdöl und schmeckt wie faule Eier! Muss mächtig gesund sein… Auf den Schreck hin suchen wir uns erst einmal ein ruhiges Restaurant am Rande der belebten Fußgängerzone fürs Abendessen.

80 Stundenkilometer ist die Höchstgeschwindigkeit in der Ukraine. 80 ist nicht viel, dachten wir zu Beginn unserer Reiseplanung. So kommen wir doch niemals voran! Mittlerweile merken wir aber, dass es auf dem Schweizer Käse kaum möglich ist überhaupt 80 km/h zu erreichen! Im dritten, manchmal im vierten Gang hoppeln wir auf Straßen, die aussehen wie auf dem Mond, gen Lemberg. Immer wieder warnen lustige Schilder tatsächlich vor schlechten Straßen auf den nächsten fünf, acht oder zehn Kilometern. Was für eine Ironie!
Bei der Einfahrt nach L’viv ragt zur rechten das Gerippe des künftigen Fußballstadions aus der Ebene. Noch beugen sich ein Dutzend Kräne über die geschwungenen Bögen der Baustelle. Einige Monate vor der EM scheint es hier noch Viel zu tun zu geben. In der Stadt selbst jedoch weisen bereits Plakate und Blumenschmuck auf das Spektakel im Sommer hin. Wir lassen uns durch die hübsche Altstadt und die Promenade-ähnlichen Fußgängerzone treiben. Hier gibt es heute Abend das tägliche Sehen- und Gesehen-Werden: Junge Frauen stolzieren in engen Kleidern und auf Schuhen mit unbeschreiblich hohen Absätzen über die groben Pflastersteine. Höchst interessiert verfolgen todschick gekleidete, Sonnenbebrillte junge Männer ihr Treiben. Für uns ist dieses Freilufttheater ein unterhaltsamer Anblick.

Auf dem Weg in das schöne Städtchen Krmenets verlassen wir erneut die großen Straßen und versuchen unser Glück auf kleinen Pisten: Wir fahren durch den sanfthügeligen Nationalpark „Wolhynische Schweiz“ und vorbei an Äckern und Feldern, auf denen Menschen säen, pflügen, ernten. An den Steigungen der wenigen Hügel werden wir immer wieder von uralten, klapprigenKamaz und Tatra ausgebremst und in eine infernalische Diesel-Rußwolke getunkt, die uns die Sicht raubt, bis schließlich mitten in der Ebene. Mitten in der Ebene ein hoher Hügel vor uns liegt, auf dessen Spitze sich das orthodoxe Kloster von Pochaiv gen Himmel reckt. Hier soll einst der Legende nach die Muttergottes in Form einer Feuersäule erschienen sein. Und tatsächlich strahlen die goldenen Kuppeln der Abtei mit dem blauen Himmel und den roten Mohnfeldern ringsum um die Wette.
Die Straße, die wir am folgenden Tag nehmen, besteht ausschließlich aus grobem Kopfsteinpflaster und führt uns weiter nach Nordwesten, zurück ins ukrainisch-polnische Grenzgebiet. Zwar ist die Strecke recht reizvoll, doch heute wird das Material unserer Maschinen auf eine harte Probe gestellt. Zum Glück erleiden wir auf der Rüttelstrecke keine  Schäden, auch meine Kameraausrüstung in den Koffern übersteht den rüden Ritt. Wir lassen uns Zeit und wollen gegen Nachmittag die Grenze erreichen, so unser Plan. Doch dort angekommen heißt es erst einmal warten: Zwei Stunden dauert es bis wir merken, dass wir gerade einmal ein Viertel der Strecke bis zum Grenzübergang geschafft haben. Alle halbe Stunde schiebt sich eine chaotische Truppe aus PKW, Kleinlastern und unseren drei Motorrädern etwa 50 Meter nach vorne, dann ist erneut Warten angesagt. Ein Grenzer winkt mich heran und spricht unverständliches ukrainisch zu mir. Ich verstehe nichts, bis er mir „60E“ auf einen Zettel schreibt. Ein Schmiergeld für eine verkürzte Grenzprozedur bietet er mir an, die wir jedoch ausschlagen. Wir wollen erleben, was es heißt, an einer außereuropäischen Grenze abgefertigt zu werden. Doch bald türmen sich bedrohlich dunkelgraue Gewitterwolken über uns auf. Einen Platz zum unterstellen gibt es nicht und die Schlange können wir ja nicht verlassen. Was nun? Um uns herum öffnen sich blitzschnell die Türen der anderen Autos, deren Fahrer uns heranwinken. Eine Stunde verbringt Rudi bei einer ukrainischen Familie im Wagen, die allesamt keiner Fremdsprache mächtig sind, Jan nimmt bei einem polnischen Kurierfahrer Platz, während ich in einem ukrainischen Kleinlaster Unterschlupf finde. Trotz Sprachhindernissen ist die Regenstunde durchaus unterhaltsam und schnell vorüber. Fünf Stunden schließlich haben wir gewartet, als uns der freundliche Pole am anderen Ende der Schlange endlich durchwinkt und sich der Schlagbaum von Europas östlicher Grenze öffnet. Während der Weiterfahrt fragen wir uns allerdings wie das alles zu EM-Zeiten vonstatten gehen soll; mal eben für ein Spiel von Lemberg nach Warschau reisen dürfte nicht so einfach sein.

Die folgenden Tage verbringen wir damit in Polen gen Norden zu reisen. Wir reisen auf kleinen Straßen, die mal kurvig und mal schnurgerade sind, durch schöne Kiefern- und Birkenwälder und vorbei an Weizen- und lecker duftenden Kamillenfeldern. Storche staksen auf ihren langen Beinen über die frisch gemähten Wiesen auf der Suche nach Futter für die Brut. Nach den schlechten Straßen in der Ukraine freuen wir uns über den wunderbar glatten polnischen Asphalt, cruisen mit 90 Sachen und einem breiten Grinsen unterm Helm übers Land und haben gar nicht recht Lust anzuhalten oder zu pausieren. Hinter Bielsk Podlaski verlassen wir die Nationalstraße 19, biegen rechts ab und steuern dem Bialowieski-Nationalpark an der Grenze zu Weißrussland entgegen. Im größten Urwaldgebiet Europas leben noch rückgezüchteten Tarpane (polnische Waldpferde) sowie die fast ausgerotteten Wisente, die jetzt Europas größten Bestand bilden. Den berühmten Bison kennt man nicht zuletzt vom Flaschenetikett des nach Gras schmeckenden Wodkas.
Wenige Tage später erreichen wir auf unserer Reise die Region Masuren, das „Land der 1000 Seen“. Lang gestreckte Seen erstrecken sich hier soweit das Auge reicht. Die grünen Hügel ringsherum sind mit blauen Tupfen gefleckt, als ob jemand mit einem riesigen Pinsel Wasserfarbe verschüttet hätte. Bei der Frage der genauen Anzahl der Gewässer scheiden sich allerdings die Geister, denn welcher Tümpel ist schon ein See? Eingebettet in eine liebliche Landschaft liegt das kleine Städtchen Gizycko (Lötzen) als idealer Ausgangspunkt für Wassersportler, Radler oder Wanderer. Der Ort empfängt uns mit entspanntem Urlaubsflair. Als Sundowner nehmen wir heute abend ein leckeres Lech-Bier. Für einen kurzen Moment würden unser Motorrad fast gegen ein Kajak oder ein Segelboot eintauschen…
Nahe Ketrzyn wenige Kilometer weiter westlich weht der dunkle Hauch der Geschichte: Die nach Kriegsende zum Großteil gesprengte Bunkeranlage Wolfsschanze war Hitlers größtes Kriegsquartier. Von hier sollte die geplante Sowjetoffensive befehligt werden. Am 20. April 1944 war der Ort gleichzeitig Schauplatz des fehlgeschlagenen Attentats auf Hitler durch Claus Schenk Graf von Stauffenberg. Die Ruinen der Bunkeranlage stehen mitten in dichtem  Buchenwald, einem düsteren Ort, an dem heute allerdings das Lachen und Geschrei vieler polnischer Schüler zu hören ist: Ein Besuch der Dokumentationsstätte wider das Vergessen.

Weiter geht es gen Westen – bei kräftigem Gegenwind. Der Nachteil des platten Landes ist leider, dass der Wind, wenn er denn weht, dies recht kräftig tut. Heute drücken sich 6 Beaufort mit noch kräftigeren Böen gegen uns und unsere Maschinen. Auf kleinen Straßen kämpfen wir uns so durch die Region Ermland und das ehemalige Ostpreußen und schließlich auf Danzig zu. Die „tausendjährige Stadt“ an der Ostsee begrüßt uns mit einer großen Zahl an sehenswerten Baudenkmälern, mit Kirchen und mittelalterlichen Befestigungen. Obwohl Danzig nach 1945 in Trümmern lag, wurde es von der polnischen Bevölkerung im historischen Gewand des 17. Jahrhunderts Stein für Stein wieder aufgebaut und erstrahlt heute in wundervollem Glanz. Mit den Werften im Norden der Stadt ist Danzig ebenso der Geburtsort der Bewegung Solidarnosc: Die Arbeiter der Lenin-Werft unter Führung von Lech Walesa gründeten 1980 nach einem bis dahin vorbildlosen Streik die erste freie Gewerkschaft in den Staaten des Ostblocks.

Wie durch Tunnel rauschen wir weiter entlang der Ostsee: An langen Allen stehen zehntausende Bäume Spalier. Nach den Bergen in Polens Süden und den Wäldern im Osten ist das blaue Meer zur Rechten heute eine schöne Abwechslung. Doch vielerorts geizen die meisten Badeorte mit Gemütlichkeit – trotz reizvoller Küste mit urigen Kiefernwäldern und schönen Sandstränden. Überall in den Orten gieren Spielautomaten und postsozialistische Bespaßung nach Erholung suchender Kundschaft. Auch in Kolobzreg fühlen wir uns eher wie im Disneyland als in dem mondänen Seebad, das es eigentlich ist, stürzen uns aber trotz niedriger Temperaturen und drohender Gewitterwolken am Horizont in stürmische Ostseefluten. Angesichts der weiten Heimreise in den kommenden Tagen besuchen wir schließlich eines der vielen Spa-Bäder am Ort und blicken im Entmüdungsbecken wohlig auf eine spannende Rundreise zurück. Nun kann die EM kommen.

Text & Fotos © Christoph Papsch